Kiloweise Papierrechnungen behindern den Stromfluss

22. Juni 2007, 13:13
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Der ohnehin lahme Wettbewerb wird von Österreichs Stromanbie­tern gezielt erschwert - Die Netzbetreiber bombardieren die Lieferanten mit Papierrechnungen

Wien - Der auf das "Belebungspaket" vom November 2006 angewiesene Wettbewerb zwischen den Stromanbietern treibt skurrile Blüten. Und zwar aus Papier. Weil etablierte Netzbetreiber und Versorger wie EVN und Wien Energie ihre Durchleitungsgebühren für die Benützung der Leitungen zu den Haushalten nicht elektronisch übermitteln, türmen sich bei den Stromlieferanten kiloweise Rechnungen.

Allein bei der Verbund-Vertriebstochter Austrian Power Sales (APS) sind es pro Monat 40.000 Rechnungen, die per Post ankommen, händisch ins EDV-System eingegeben und dann verrechnet werden müssen. Abgesehen von Fehlern, die dabei unweigerlich passieren, verursacht das bei den Stromlieferanten erheblichen Mehraufwand. APS-Geschäftsführerin Eveline Steinberger beziffert diesen mit 350.000 Euro pro Jahr. Steigt die Kundenzahl bis Jahresende, wie von der APS angepeilt, von derzeit 85.000 auf 150.000, erhöht sich der Aufwand entsprechend.

Dass allein EDV-technische Probleme an der bis dato vorsintflutlichen Art der Verrechnung der Strommaut schuld sind, darf bezweifelt werden. Denn wohl sind die Netzbetreiber seitens der Bundeswettbewerbsbehörde und der Regulierungsbehörde E-Control zur elektronischen Rechnungslegung angehalten, die Versorger selbst versuchen jedoch, dieser Verpflichtung so lang wie möglich zu entgehen.

So hat der Verband der E-Wirtschaft (VEÖ) seine Mitglieder noch am 27. März via Rundschreiben aufgefordert, Bedenken gegen die Einführung der elektronischen Abrechnung zu sammeln. "Wir ersuchen daher, uns bis zum 4. 4. 2007 Argumente der Rechtsspezialisten Ihrer Häuser gegen eine Integration der elektronischen Abrechnung in die Marktregeln zu übermitteln", heißt es im Mail des VÖE an die Mitglieder, das dem Standard zugespielt wurde.

Viel Erfolg dürfte diesem Ansinnen, das laut Rechtsexperten letztlich auf eine prohibitive Maßnahme gegen neue Marktteilnehmer hinausläuft, nicht beschieden sein. "Weil es keine rechtlichen Gründe gegen die elektronische Datenübertragung gibt", wie Wolfgang Urban-tschitsch von der E-Control auf Standard-Anfrage klarstellt. "Die elektronische Verrechnung kommt sicher am 1. November." Dazu haben sich die Unternehmen verpflichtet - allerdings nur für Netzbetreiber mit mehr als 100.000 Kunden. Die generelle Übermittlung durch alle Netzbetreiber - insgesamt gibt es in Österreich 130 - will der VEÖ erst im November 2008.

Was aber sicher nicht kommt: die Einführung der elektronischen Abrechnung vor November. Das sei zwar wünschenswert, weil die händische Eingabe fehleranfällig sei, die Abrechnung verzögere und auch Mehrkosten verursache, aber ohne standardisierte Harmonisierung der Datenformate nicht durchführbar sei, so die E-Control. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD Printausgabe 19.04.2007)

  • Mit stapelweise Papierrechnungen machen die Landesenergieversorger neuen Lieferanten das Leben schwer.
    foto: fischer

    Mit stapelweise Papierrechnungen machen die Landesenergieversorger neuen Lieferanten das Leben schwer.

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