Diridihuidulio in der Nähfabrik: "Man muss dankbar sein"

17. April 2007, 21:29
posten

Zwischen Werner Schwab und René Pollesch: Uraufführung von Volker Schmidts Stück im Theater Drachengasse

Wien - Irgendwann, vielleicht schon bald in der Zukunft, so die These in Volker Schmidts Stück Man muss dankbar sein, läuft das "Empire" aus dem Ruder, verkehren sich die Machtverhältnisse am globalen Produktionsmarkt, und es wird da, wo heute die schöne Stadt Wien liegt, Kalkutta herrschen oder Rangoon: Arbeitsbedingungen der Dritten Welt, die unsereins nur vom engagierten Fernsehen oder Feuilletonlesen kennt.

Die fatalen Abhängigkeitsverhältnisse innerhalb der globalen Wirtschaft stechen nicht nur Dokumentarfilmern ins Auge - ein Sektor, dessen aufklärerischer Impetus derzeit boomt -, sondern ebenso einer nachrückenden Autorengeneration, die - siehe Kathrin Röggla oder Johannes Schrettle - mühewaltend an deren Versprachlichung arbeitet.

Volker Schmidt (30) hat sein Stück zwischen Werner Schwab und René Pollesch angesiedelt. Drei Fabriksnäherinnen in Mariedl-Dirndlkleidern (mit Nike-Unterleiberl: "wo ein logo drauf ist / ist leben drin") tanzen den sprachmächtigen Aufbegehrenstango irgendwo mitten in der gewerkschaftlich verlassenen Produktionskettenödnis Südostasiens vulgo Zukunfts-Wien. Sie treten an ihre Nähmaschinen, um angereiste NGOs (das Publikum) von den "passablen" Arbeitsbedingungen zu überzeugen: "wenn ich wollte / ich könnte jederzeit aufs klo gehen/ noch fragen?" Dabei kommen sie aus ihren Trachtenkleidern so schwer heraus wie in eine Industrienation hinein. Denn das wollen sie. Träume gibt's genug, aber leider nur einen Arbeitgeber, und für den wird Bollywood-like getanzt und zwecks Erhalt immateriellen Kulturguts auch fest gejodelt.

Dabei besitzen die von Heidelinde Pfaffenbichler, Elisa Seydel und Ildiko Babos fabelhaft gespielten Hanni, Liesl und Kathi den Reflexionsgrad von Pollesch-Figuren, die im Jargon der Globalisierungstheoretiker jäh ihr Schicksal ausloten: "du glaubst doch nicht / dass du eine andere struktur bewohnst / dass deine arbeitnehmerzusammenschlüsse / dass die anderen gesetzen gehorchen / die haben sich doch mitglobalisiert".

Schmidt, er hat auch inszeniert, ist Gewinner des heurigen Berliner Kindertheaterpreises. Und: Mit Die Mountainbiker ist er zum Berliner Theatertreffen sowie zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen. Da kommt einer. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 4. 2007)

  • Wien darf nicht Kalkutta werden, in Volker Schmidts Stück ist es aber schon so weit: Ildiko Babos, Heidelinde Pfaffenbichler und Elisa Seydel in der Nähfabrik (v. li.).
    foto: theater drachengasse

    Wien darf nicht Kalkutta werden, in Volker Schmidts Stück ist es aber schon so weit: Ildiko Babos, Heidelinde Pfaffenbichler und Elisa Seydel in der Nähfabrik (v. li.).

Share if you care.