Jenseits der Genregrenzen

12. April 2007, 20:49
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Goran Bregovic im Zusammenspiel mit dem Absolute Ensemble

In einem Interview mit dem Standard vor seinem ersten Österreich-Auftritt im Februar 2001 sprach Goran Bregovic unter anderem auch über das vom Krieg geprägte vergangene Jahrzehnt in seiner Heimat. Immer noch präsent waren ihm da die ersten Nachrichtenbilder von serbischen und kroatischen Straßenkontrollpunkten, die plötzlich in seiner Heimatstadt Sarajewo errichtet worden waren.

Bregovic: "Die Serben sahen aus wie aus einem schlechten Partisanenfilm, mit ihren Bärten und alten Gewehren. Vielleicht verhält es sich auch immer so, dass, wenn etwas sehr Ernstes passiert, zuerst eine Art Kostümzwang herrscht. Als dann die ersten Schüsse fielen, war ich gerade in Paris und rief meine Frau an, um ihr zu sagen, dass sie nachkommen solle und dass es Krieg geben würde.

Sie meinte: ,Nein, nein, es ist die verrückteste Zeit überhaupt, und noch nie hatten wir so viel Spaß in Sarajewo!‘ Aus der Ferne sahen alle so verrückt aus, und je ernster sie sich gaben, desto durchgedrehter wirkten sie auf mich. Ich sagte mir dann: Okay, eines Tages werden sie sich hoffentlich dafür schämen. Und du solltest wieder Musik schreiben, vielleicht kann man eines Tages wenigstens darauf stolz sein."

Ob sich die Kriegstreiber und ihre Mitläufer von damals mittlerweile für ihr Tun schämen, ist nicht bekannt. Belegt ist hingegen, dass Bregovics Musik längst und gerade für die junge Generation eine identitätsstiftende Wirkung hat, ja, sie nahezu als psychologischer Balsam wirkt. Im Gegensatz zum etablierten Bild eines ewig kriegerischen Balkans steht die Musik von Bregovic für all die Lebensfreude in diesem Teil Europas. "Ich repräsentiere den ganzen Balkan, von Budapest bis Istanbul", meint Bregovic zu seinem diesbezüglichen Selbstverständnis und legt nach: "In der Musik gibt es keinen Nationalismus!"

Der 1950 als Sohn eines kroatischen Militärs und einer Serbin geborene Musiker, der mit einer Muslimin verheiratet ist, feierte mit seiner Mischung aus Rock und der multiethnischen Folklore seiner Heimat nicht nur europaweit Riesenerfolge. Er kann auch als Trendsetter des seit einigen Jahren prosperierenden Balkan-Booms betrachtet werden, der aberwitzigen rumänischen Blasmusikkapellen ebenso zu immenser Popularität verhalf wie den lässigen, Balkan-infizierten Grooves des Bucovina Clubs, dem enorm erfolgreichen Vehikel des Dancefloor-Produzenten Stefan Hantel alias Shantel.

Freigeister

Bei seinem Auftritt im Konzerthaus trifft er auf das von Kristjan Järvi 1993 gegründete Absolute Ensemble. Der gebürtige Este Järvi, seines Zeichens Chefdirigent des niederösterreichischen Tonkünstler Orchesters, überschreitet selbst gerne vermeintliche und tatsächliche Genregrenzen, wie etwa ein Projekt des Ensembles mit der Musik von Frank Zappa bewies. Wie die Freigeister Bregoviæ und Järvi die Mischung aus Tradition und Innovation, aus Volksmusik und Crossover bewerkstelligen, wird nicht nur interessant, sondern vor allem sicher eines: mitreißend! (flu / DER STANDARD, Printausgabe, 13.04.2007)

Goran Bregovic / Absolute Ensemble im Wiener Konzerthaus: 29. April, Großer Saal. 19.30
  • Goran Bregoviæ aus Sarajewo trifft im Konzerthaus auf Kristjan Järvis Absolute Ensemble.
    foto: konzerthaus

    Goran Bregoviæ aus Sarajewo trifft im Konzerthaus auf Kristjan Järvis Absolute Ensemble.

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