Pop, politisch und kosmopolitisch

12. April 2007, 18:13
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George Dalaras über musikalische und gesellschaftliche Verpflichtungen

Als Mikis Theodorakis, schon damals zentrale Autorität der griechischen Musik, nach vier Jahren im Pariser Exil 1974 – die Militärdiktatur hatte sich soeben selbst demontiert – in seine Heimat zurückkehrte und im Zuge seines triumphalen ersten Konzerts den legendären Satz "Das Volk ist für die Lieder und gegen die Panzer" formulierte, da war ein 25 Jahre junger Sänger auf der Bühne mit dabei, ein Mann, der selbst als Shootingstar galt: Jorgos oder George Dalaras.

Dalaras hatte bereits im Jahr zuvor Theodorakis’ auf Gedichten von Yannis Ritsos basierenden Zyklus 18 kleine Lieder von der bitteren Heimat geheim aufgenommen, um das Resultat 1974 zu veröffentlichen. Im Standard-Interview nennt Dalaras den 24 Jahre älteren Kollegen seinen "Lehrer", wobei die Gemeinsamkeiten nicht nur in musikalischen Gefilden, vielmehr auch im Selbstverständnis des Musikers als Stimme des Protests, als kritisches Gewissen der Gesellschaft liegen.

Eine Haltung, für die Dalaras schon früh durch seine Herkunft sensibilisiert wurde. Entstammt der 1949 in Piräus geborene Sänger doch einer Flüchtlingsfamilie, die – wie 1,3 Millionen andere Griechen aus Kleinasien – durch den nach der Niederlage gegen Atatürk 1922 vereinbarten Bevölkerungsaustausch in einem der Elendsviertel rund um Athen gestrandet war.

Quartiere, die bekanntlich zu die Brutstätten der Rembetiko-Musik avancierten: "Als meine Mutter aus Smyrna (heute Izmir; Anm.) kam, war sie erst ein vier Monate altes Baby. Hingegen haben ihre Mutter und ihre Tante all den von dieser Katastrophe verursachten Schmerz, die Erinnerungen stets in sich getragen. Die Menschen aus Kleinasien brachten aber auch ihre bemerkenswerte Kultur und Musik mit. Ich habe noch immer die Lieder aus Smyrna im Ohr, die ich als junger Bub in Piräus und Athen gehört habe – wie auch jene meines Vaters, eines Rembetiko-Musikers."

Kommerzieller Erfolg

1975 sollte George Dalaras diese seine Wurzeln im Album 50 Jahre Rembetikoreflektieren, um damit eine Renaissance jener Musik einzuleiten. Der Erfolg war auch ein kommerzieller – wurde die Platte doch als erste Griechenlands mit Platin ausgezeichnet.

Heute hält Dalaras bei zehn Millionen verkauften Tonträgern, er ist rund um die Welt getourt – und seinen Prinzipien treu geblieben. Die da lauten: sich der eigenen musikalischen Tradition als Basis allen Tuns zu versichern und dennoch offen zu sein gegenüber Einflüssen von außen. Stehen für die eine Seite Verbeugungen vor Rembetiko-Legenden wie Vasilis Tsitsanis oder Markos Vamvakaris, so können auf der anderen Kollaborationen mit Paco de Lucia oder Al DiMeola, mit Goran Bregovic oder dem Popstar Sting (Asphalt Speeding By 2001) angeführt werden.

Dalaras ist auch in anderer Hinsicht weiterhin ein würdiger Kollege von Mikis Theodorakis. Singen bedeutet für ihn nach wie vor, Position zu beziehen, Solidarität zu bekunden: Mit der Arbeiterbewegung. Mit unterdrückten Völkern wie den Kurden. Mit Serbien während des Nato-Bombardements. Nebst vielen anderen. Es passt ins Bild, dass Dalaras im Oktober 2006 zum UNHCR-Sonderbotschafter ernannt wurde. Für ihn, dessen erste Reise in der neuen Rolle in Flüchtlingslager in Sierra Leone und Liberia führte, eine logische Fügung: "Nachdem ich selbst aus einer Flüchtlingsfamilie stamme, respektiere ich Flüchtlinge auf besondere Weise. Ich denke, ich kann vor allem helfen, indem ich öffentliche Aufmerksamkeit schaffe. Dies ist meine Aufgabe und Verpflichtung als Bürger dieser Welt. Die Hilfe für Flüchtlinge ist ein Indikator unserer Zivilisation." (Andreas Felber / DER STANDARD, Printausgabe, 13.04.2007)

George Dalaras im Konzerthaus: 1. Mai 2007, Großer Saal. 19.30
  • Ein Flüchtling für Flüchtlinge: Der griechische Superstar George Dalaras ist nicht nur ein Meister des Rembetiko, seit 2006 nützt er seine Popularität auch als UNHCR-Sonder-botschafter.
    foto: emi

    Ein Flüchtling für Flüchtlinge: Der griechische Superstar George Dalaras ist nicht nur ein Meister des Rembetiko, seit 2006 nützt er seine Popularität auch als UNHCR-Sonder-botschafter.

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