Eine begabte Tochter wird flügge

12. April 2007, 18:13
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Die Sitarspielerin Anoushka Shankar ist im Begriff, aus dem übermächtigen Schatten ihres Vaters Ravi Shankar zu treten. Ein Gespräch über kreative Erweiterungen der klassischen indischen Musiktradition sowie musikalische Dialoge mit ihrer erfolgreichen Halbschwester Norah Jones

Als sie im Juli 2005 im Rahmen des Jazzfest Wien in der Staatsoper gastierte, da suchte sie immer wieder den Blickkontakt zu ihrem Vater. Und Ravi Shankar, die Sitar-Legende, die sowohl in der Pop- (George Harrison) als auch in der Jazzwelt (John Coltrane) bis heute hörbare Spuren hinterlassen hat, erfreute sich nicht nur an hurtigen Sitar-Dialogen mit seiner schönen Tochter. Er hoffe, an die Wirkungsstätte des von ihm verehrten Mozart noch einmal zurückkehren zu können, so der 85-Jährige damals zum Publikum. Um stolz seinen Sprössling als Quasi-Nachfolgerin zu empfehlen: "Wenn nicht, dann wird sie kommen."

Tatsächlich deutet vieles im Leben von Anoushka Shankar, die 1981 in London geboren wurde und heute mit ihren Eltern in Encinitas, Kalifornien, und Neu-Delhi lebt, auf die Rolle jener hin, die einst das Erbe des bekanntesten indischen Musikers antreten wird.

Nicht nur erhielt Anoushka ab dem Alter von neun Jahren Sitar-Unterricht bei Shankar Senior, sie stand bereits als 13-Jährige zum ersten Mal mit ihm auf der Bühne. Zudem verfasste sie ein Buch über ihren Vater und kümmert sich in Neu-Delhi um die Belange des dortigen Ravi Shankar Centre. Berufsdefinition "Tochter" also?

"Nicht wirklich", so Anoushka im Standard-Interview. "Mein Vater ist ein wesentlicher Teil meiner musikalischen Identität, umso mehr, als er auch mein Lehrer war. Aber ich denke nicht, dass man das Werk eines anderen überhaupt weiterführen kann. Jeder, der genuine Musik macht, macht sein eigenes Ding."

Vor zwei Jahren hat Shankar diese ihre Worte zum ersten Mal klingend belegt: Nach drei Veröffentlichungen unter eigenem Namen mit Musik, die sich respektvoll im Rahmen der Tradition der klassischen nordindischen Hindustani-Schule bewegt, bedeutete das Album Rise, in dessen Rahmen sie die Raga- und Tala-Basis mittels westlicher Instrumente sowie diskreten Flamenco- und Dub-Einflüssen in Richtung "ambientöser" Soundscapes erweiterte, einen wichtigen Schritt in Richtung eigenes Profil.

Kreativ geöffnet

"Ja, Rise scheint eine Art Coming-out gewesen zu sein, für mich gibt es bezüglich meiner Entwicklung definitiv ein Davor und ein Danach. Ich habe mich seit dieser Platte kreativ geöffnet, sogar als klassische Sitar-Spielerin bin ich freier geworden", so resümiert Shankar selbst die Bedeutung dieser Arbeit, für die "nicht notwendigerweise ein bestimmtes Ergebnis in meinem Kopf, sondern vor allem Neugierde in mir war".

Das Nachfolgeprojekt, das im Wiener Konzerthaus zu hören sein wird, soll noch heuer auf CD erscheinen. Shankar hat dafür Karsh Kale, den indischstämmigen New Yorker Electronica-Experten, als Partner gewonnen – er steuerte bereits zu Rise einen Bonus-Remix bei.

Etwas überraschend wird das Album freilich gänzlich akustisch angelegt sein: "Es geht darum, in welche Richtung klassische indische Musik heute gehen kann. Es sind wieder Sitar, Flöte, Piano und Schlagzeug dabei, wir werden diese Instrumente in diversen Konstellationen präsentieren. Wir werden wohl auch ein paar Stücke aus Rise spielen, aber völlig anders – wir werden sie zerlegen und akustisch neu erforschen."

Mit der Reflexion ihres interkulturellen Backgrounds folgt Anoushka Shankar indessen in gewisser Weise erneut den Spuren ihres berühmten Vaters, des musikalischen Brückenbauers nach Ost und West, den sie liebevoll einen "Verrückten der bewundernswertesten Art" nennt.

Nach einer im September zugezogenen Schulterverletzung "hatte ich große Sorge, dass er nicht mehr auf Tour gehen könnte. Aber er ist süchtig nach Konzerten. Er arbeitet sehr hart daran, die Schulter wieder aufzubauen und seine Spieltechnik zu modifizieren. Im April wird er wieder auf der Bühne stehen".

Pop-Prominenz

Was es heißt, mit anderen musikalischen Welten in Kommunikation zu treten, hat Anoushka Shankar, die bereits für Sting, Madonna und Peter Gabriel die Sitarsaiten hat schwingen lassen, erst kürzlich wieder erfahren, als Herbie Hancock und Wayne Shorter sie in Neu-Delhi auf die Bühne baten. Ob es eine derartige Session auch schon mit ihrer Halbschwester Norah Jones gegeben habe? Shankar: "Wir haben mehrmals zum Spaß miteinander privat musiziert. Auf dem neuen Album wird sie einen Song mit mir spielen." (Andreas Felber / DER STANDARD, Printausgabe, 13.04.2007)

Anoushka Shankar im Wiener Konzerthaus: 16. Mai, Großer Saal, 19.30
  • Anoushka Shankar, Halbschwester von Norah Jones und Tochter des berühmten Ravi Shankar, macht sich im ureigensten Familienterrain einen eigenen Namen: dem Sitarspiel.
    foto: emi

    Anoushka Shankar, Halbschwester von Norah Jones und Tochter des berühmten Ravi Shankar, macht sich im ureigensten Familienterrain einen eigenen Namen: dem Sitarspiel.

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