Frauen arbeiten anders

11. April 2007, 07:00
104 Postings

Über die Dimensionen der weiblichen Arbeitswelt und das Nutzen von Chancen - eine Fremde Feder von Ursula Staffa

Zwei Textautoren gab es in einem Onlineartikel, der kürzlich über Journalistenausbildung in Österreich erschien: Einen Mann und eine Frau - nennen wir sie xY und aZ. Der ganze Artikel war als PDF-Dokument unter seinem Namen abgespeichert. Bei jedem Aufrufen der Homepage per Suchmaschine stolperte man nun über den Namen des männlichen Verfassers. Erst wer sich die Mühe machte, die gesamte Textseite zu öffnen, fand dort auch die Autorin aZ. Wie geschickt, xY! Frauen hinken da in ihrer Selbstvermarktung kräftig hinten nach.

Das Dokument war sogar getauft worden, also "gebrandet", in eine Marke verwandelt: es hieß "xYartikel". Ganz besonders geschickt! Bei derart ausgereiften Marktstrategien sind Frauen noch viel weiter als weit vom männlichen Leadership entfernt. Hätte das Verfasserteam nun nicht xY und aZ geheißen, sondern beispielsweise Max und Moritz, was wäre die Folge gewesen? Hätte auch Max widerspruchslos zugelassen, dass ein "Moritztext" auf womöglich sämtlichen Suchmaschinen des Internets die Runde macht? Nein, denn Max ist ein Mann. Und denkt und arbeitet anders als Frauen. Er hätte sich durchgesetzt. Strategisch. Taktisch. Klug?

Wenn Frauen dieses Kampfrevier betreten, wird es für sie schnell zum Dilemma. Obwohl sie längst nicht mehr nur "backoffice" beruflich tätig sind, als Assistentin, Sekretärin, Putzfrau oder Regalbetreuerin, sind sie noch längst nicht immer in den Führungsetagen anzutreffen. Sag mir, wo die Frauen sind, wo sind sie geblie-ie-ben... Zu Hause, bei den Kindern? Dort auch. Die anderen werken inzwischen irgendwo auf mittleren Ebenen und sorgen im Hintergrund für Qualität. Ja, Frauen arbeiten ganz entschieden anders.

Babylon im Büro

Komplexe Denkaufgaben der Planung, der Beurteilung, der Information lösen Frauen im Berufsalltag gewöhnlich so: "Ich glaube, in diesem Fall könnte es tatsächlich sein...". Und dann kommt er zu Wort: "Nun, das ist offensichtlich ganz klar:...". Können Sie sie hören, die weiblichen und männlichen Stimmen in der Betriebssitzung? Gut möglich, dass es dabei um die gleiche Sache geht. Und dass beide gleich viel oder gleich wenig darüber wissen.

Dasselbe Phänomen bei Praxisfragen der Technik, der Gestaltung, des Handwerks. Er: "Genau, so und nicht anders machen wir das jetzt!" Sie: "Man könnte die Sache wahrscheinlich so lösen..." Mal ganz ehrlich, welche Aussage beeindruckt Sie mehr? Interessant dabei: Entschieden haben eigentlich bereits beide, nur er sagt es auch!

Ein sozialpsychologisches Dilemma - die ewige Sprachverwirrung zwischen Männchen und Weibchen, Babylon im Büro: Aus Vermutungen werden bei Männern nicht selten Tatsachen, aus Tatsachen bei Frauen nicht selten Vermutungen. Während sie gründlich überlegt, trifft er die Entscheidungen. Und rettet sie aus ihrer vermeintlichen Unentschiedenheit. "Wir speichern dass jetzt ab. Als PDF-Datei unter meinem Namen." Und schon ist es geschehen. Und sie hat wieder einmal ihre Marktchance verpasst. Das wäre Max nicht passiert. Max hätte sich durchgesetzt. Kein Beinbruch, sagen Sie? Nein, kein Beinbruch, aber mindestens eine Hals-Nasen-Ohren-Erkrankung. Denn das Dilemma ist zumindest dreidimensional.

Thesenanschlag in der Chefetage

Vier Thesen, die seit Jahrhunderten unbeweglich in sämtlichen Büros und Betrieben an allen Cheftüren festgenagelt zu sein scheinen: Dienende, engagierte Mitarbeiterinnen sind angenehm für mächtige Männer. Weniger engagierte Mitarbeiterinnen, die Macht ausstrahlen, haben viele Feinde, werden einsam, aber bleiben meist mächtig. Engagierte Frauen, die Macht ausstrahlen, sind mächtigen Männern unheimlich. Unengagierte Frauen, die aber dienstbar sind, sind faul.

Dritte Dimension: Vitamin B

Nehmen wir einmal an, eine Mitarbeiterin mit Karriereabsichten sucht gute Geschäftsbeziehungen zu einem Entscheidungsträger. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist der Gönner und Geber dann ein Mann. Denn die Frauen sitzen ja als Serviceleisterinnen entscheidungsunfähig in den mittleren Ebenen und überlegen dort angestrengt, wie sie die Arbeitsqualität in den oberen Etagen für den gesamten Betrieb verbessern könnten.

Geschäftsbeziehungen von Frau zu Mann sind nun aber von möglichen Missverständnissen blockiert, Leistung und Gegenleistung, Hilfe und Dankbarkeit unterliegen völlig anderen Regeln. Für den weiblichen Teil der Arbeitswelt hat Vitamin B unbestritten einen schärferen Beigeschmack. Männliche Kollegen ziehen auf dem Karriereweg nach oben bei Chefs und Geschäftspartnern, sofern heterosexuell, ungeniert und unbelastet die Register der Kumpelhaftigkeit. Bei einem Bier redet es sich doch viel leichter.

Frauen reden mit der Assistentin des Chefs oder gar nicht. Aber warum denn, höre ich die Kollegen fragen, warum nicht ein zweisames Bierchen mit dem Chef? Vielleicht, weil es dessen Ehefrau nicht so unverkrampft toleriert, oder vielleicht auch, weil sich Vitamin B bei manch männlicher Autorität nach dem dritten Bier doch ein bisschen wie Vitamin Bett buchstabiert?

Die Evolution des Dinosauriers

Gut lieber Leser, und vielleicht auch liebe Leserin, ich akzeptiere Ihre Einwände. Nicht alle Männer sind Machos. Ja, Sie haben völlig recht. Es gibt auch ausgezeichnete Führungspersonen und sehr nette Chefs, die ihre Mitarbeiterinnen wertschätzen, ihnen ordentliche Aufgaben zukommen lassen und nicht automatisch immer recht haben müssen. Dafür bemüht sich die andere Sorte aber umso mehr, nicht auszusterben. Und wehe, Sie geraten in die Höhle eines solchen Dinosauriers!

Max und Moritztexte, Babylon im Büro, Thesenanschlag, Vitamin B und die Macht der Dinosaurier – ist das die drohende Apokalypse der weiblichen Arbeitswelt? Ja, Himmel noch mal, warum zeigen wir uns in unserem Karriereverhalten eigentlich permanent so zugeknöpft? Wir sollten das ganze doch mal ganz locker betrachten! Nehmen wir uns doch einfach Max, den Textautor zum Vorbild. Sagen wir, was wir wollen! Frauen tragen auch selbst die Verantwortung für ihr Handeln – und tragen die Fähigkeit in sich, Dinge für sich zum Besseren zu verändern.

Das heißt auch, ihre Chancen zu erkennen und zu nutzen, bewusste Entscheidungen zu treffen und auch einmal eigensinnig zu handeln. Machen statt träumen, entscheiden statt wünschen, selber denken und selber handeln – wer Prinzessin spielt, bekommt einen Froschkönig vorgesetzt. Ich spreche hiermit entscheidungsfreudig ein Machtwort, fernab aller guten Wünsche an die gute Fee: Frauen, ab jetzt arbeiten wir anders! Unsere Qualitätsarbeit bekommt zukünftigen einen Namen. Unseren eigenen.

11. April 2007

Zur Person
Ursula Staffa ist dipl. Sozialarbeiterin und schreibt unregelmäßig für soziale Fachzeitschriften und ein Online-Magazin.
  • Artikelbild
    karikatur: ursula staffa
Share if you care.