Der Eklat bin ich

13. April 2007, 13:49
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In seinen Lebenserinnerungen beschreibt André Glucksmann, wie man mit einem Schuh philosophiert

Es gab einmal eine Zeit, da hatte Wodka noch keine Seele, Jogurt keine Kultur, und Marken hatten keine Philosophie. Diese Zeit, sie muss den bauchnabelgepiercten Praktikantinnen heutiger Werbeagenturen so fremd erscheinen, dass sie sie langweiliger fänden als das Biedermeier. Lediglich der rote Stern über Moskau oder die Sonne von Barbados brachten damals Farbe in den Alltag. Dann aber – es muss Mitte der 70er-Jahre gewesen sein – verkündigte der Autobauer Citroën eine Revolution. Sein Modell Ente sollte nicht mehr nur irgendein Pkw sein; die Ente war das erste "philosophische Automobil". Heute beherrscht solche Werbetricks jeder Juniorberater im Bereich Brand-Management. Damals aber war das die Neuerfindung der Reklame schlechthin.

Das Ganze muss derart Eindruck gemacht haben, dass der französische Autor Bernard-Henri Lévy zur selben Zeit einer famosen Idee verfiel. Wie wäre es denn, so muss er sich gedacht haben, wenn man die gerade in Mode kommende Kritik gegen den linken Totalitarismus nicht mehr nur als wichtiges politisches Statement, sondern als Nouvelle Philosophie verkaufen würde? Mastermind eben jener "Neuen Philosophen" sollte der Essayist André Glucksmann werden. Der Sohn jüdisch-österreichischer Emigranten hatte kurz zuvor mit einem Buch namens Köchin und Menschenfresser für Wirbel gesorgt. In Anlehnung an Alexander Solschenizyns Archipel-Gulag war es Glucksmann darin gelungen, auf das menschenverachtende Potenzial des Kommunismus in der damaligen UdSSR aufmerksam zu machen.

Über Nacht war Glucksmann in aller Munde. Schließlich hatte er sich selbst noch wenige Jahre zuvor als "militanten Maoisten" bezeichnet. Die Fallhöhe zwischen Traumtanz und Trauma war ihm nur zu gut geläufig. Vermutlich deshalb hatte das Buch zeitweise größeren Einfluss auf die "Entmarxung" der Neuen Linken als jeder Marsch durch die Institutionen.

Doch trotz aller berechtigten Zeitkritik, eines waren diese Gedanken über die "Beziehung zwischen Staat, Marxismus und Konzentrationslager" nicht: neue Philosophie. Zwar kannte Glucksmann als studierter Philosoph seinen Platon besser, als dies die Ente von Citroën von sich behaupten konnte, dennoch fußten seine Einsprüche nie auf komplexen Theoriegebäuden. Egal, ob der Autor in den Folgejahren seine Stimme gegen das Morden in Srebrenica oder den Krieg in Tschetschenien erhob: Seine humanistischen Interventionen blieben zeitpolitisches Statement. Im Gegensatz zu anderen Philosophen der Fünften Republik – etwa Sartre oder Derrida – blieb der "wütende Denker", wie sich Glucksmann einmal selbst bezeichnete, ein telegener Meisterdenker ohne philosophische Dogmatik. Wer daher diesen oft unbequemen Intellektuellen verstehen will, der muss nicht unbedingt seine zahlreichen Essays und Artikel durchstöbern. Ein Blick auf seine Biografie verdeutlicht seine Standpunkte vermutlich ebenso gut. Pünktlich zu seinem 70. Geburtstag sind daher unter dem Titel Wut eines Kindes, Zorn eines Lebens André Glucksmanns Erinnerungen erschienen.

"Einige fanden mich lästig wie eine Klette", so schätzt der 1937 in Boulogne-Billancourt geborene Glucksmann gleich zu Beginn dieses Buches seine Sympathiewerte ein. Es ist dies eine Äußerung über seine Kindheitsjahre im État Français des Henri Philippe Pétain. Dass man diesen Satz auch als Motto über sein weiteres Leben stellen könnte, ist vermutlich kein Zufall. Glucksmann wollte nie gefallen. Lange bevor er zum prominentesten Wüterich in den intellektuellen Debatten Frankreichs aufsteigen sollte, war das dritte Kind jüdischer Eltern, die sich Anfang der 1930er-Jahre dem Widerstand gegen Hitler angeschlossen hatten, durch kindsköpfigen Starrsinn aufgefallen.

Am eindrucksvollsten zeigte sich dieser an einem Sommertag kurz nach Kriegsende. Zusammen mit seiner Mutter hatte man ihn zu einem Empfang bei der Familie Rothschild geladen. Während andere Gäste demütig die Hilfe priesen, welche der Baron während des NS-Terrors den verfolgten Juden Frankreichs hatte zukommen lassen, schnürte der junge Trotzkopf seinen linken Schuh auf und schmiss diesen dem Baron wutentbrannt vor die Füße. Was ihn an jenem Tag getrieben hat, das kann Glucksmann bis heute nicht ganz begreifen. Es war vermutlich Ausdruck kindlichen Unverständnisses. Wie nämlich konnte es sein, so fragte sich Glucksmann fortan immer wieder, dass die Welt mit Auschwitz den eigenen Untergang überlebt hatte, schon bald aber weitermachte, als wären nichts gewesen? Selbst Gott, so formuliert er in seinen Erinnerungen zynisch, hatte aus Auschwitz nichts gelernt.

Was man indes hätte lernen können, das war für Glucksmann, dessen Familie nur durch Zufall der Deportation entkommen war, dieses: "Das Nichts kann sein!" Und weil dieses Nichts möglich war, verschrieb sich der anfangs noch in linken Kreisen verkehrende Philosoph dem Kampf gegen Nihilismus jeglicher Couleur. Dabei war er kein Idealist. Spätestens als ihn der Ungarn-Aufstand dazu gebracht hatte, aus der KP auszutreten, und er bald auch jeglichem kommunistischen Vorleben abschwor, war er moralisch obdachlos geworden. Vielleicht wusste der Denker mit der Pilzkopffrisur fortan nicht mehr, was "gut", dafür aber um so besser, was "böse" war: "Die ursprüngliche Erkenntnis des Inhumanen bedingt die Definition des Humanen als Nicht-Inhumanen", so formuliert er leicht geschraubt die Maxime zukünftigen moralischen Denkens und Handelns.

Der Schuh auf der Wiese des Baron Rothschilds sollte nicht der letzte bleiben, den Glucksmann in all den Jahren noch werfen sollte. Einmal trafen seine Schuhe einstige Weggefährten, einmal Tyrannen von Belgrad bis Bagdad. Manchmal traf der zuweilen fürs Pöbelhafte bekannte Quertreiber auch nur den eigenen Kopf. Diese Zielungenauigkeit, die sich zuweilen auch unangenehm in diesen Erinnerungen niederschlägt, hat André Glucksmann bis heute zu einem eigenwilligen Intelligenzler gemacht.

Dennoch: In einem bleibt er zusammen mit Philippe Nemo, Christian Jambet und anderen Denkern der "Neuen Philosophie" unschlagbar: im Management der eigenen Marke. Mochte er, wie er in dieser Biografie gesteht, auch gegen den eigenen Wunsch zum Philosophen gekürt worden sein, er füllt diese Position seit nunmehr dreißig Jahren mindestens so professionell aus wie das erste philosophische Auto von Citroën. (Ralf Hanselle / ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 07/08.04.2007)

André Glucksmann, "Wut eines Kindes, Zorn eines Lebens". Erinnerungen. € 24,20/320 Seiten. Verlag Nagel & Kimche 2007
  • André Glucksmann, "Wut eines Kindes, Zorn eines Lebens". Erinnerungen. € 24,20/320 Seiten. Verlag Nagel & Kimche 2007
    buchcover: nagel & kimche

    André Glucksmann, "Wut eines Kindes, Zorn eines Lebens". Erinnerungen. € 24,20/320 Seiten. Verlag Nagel & Kimche 2007

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