Sieg über das "Monster"

29. Juli 2000, 01:20

Dieser Etappensieg jedoch ist ein Zeichen der Industrie an die Piraterie, wer die Macht in der Branche hält

"I never thought I'd say it: Hooray for the RIAA!" So euphorisch äußerte sich ein Kolumnist des Online-Dienstes Anchordesk, David Coursey, über die Entscheidung, Napster zu schließen. Nicht nur er. In vielen Medien geht eine Welle der Begeisterung um, fast als wäre ein erbitterter Krieg gegen das Böse gewonnen worden. So verglich die US-Richterin Napster mit einem "Monster", und ein Manager des Time-Warner-Konzerns nannte die Software in einem Atemzug mit Flugzeugentführern, Satan und den Langzeitfeinden der USA, den Kommunisten des Kalten Krieges. Doch wieso dieses Echo? Haben die mächtigen Medienmogule, nur auf Profit bedacht, das Netzwerk der Piraterie vernichtend geschlagen?

Napster ist ein El Dorado für Fans, die sich ihre Musik gratis aus dem Netz holen wollen, aber bei weitem nicht die einzige Quelle. Gnutella oder etliche Seiten im Netz offenbaren dem versierterem Benutzer weit mehr, als die Tauschbörse Shawn Fannings je zu bieten hatte. Der Industrie jedoch geht es nicht um die Musik, die täglich zwischen Millionen Menschen ausgetauscht wird, die Napster-User kaufen ja nach neuesten Studien noch mehr CDs als früher. Der Sieg hat lediglich symbolischen Wert, schließlich geht es hier um die Frage der Kontrolle über die Musik und über ihre Künstler. Eine Frage, die in den ultra-kapitalischen USA von vornherein beantwortet wird. Die Reaktion der Medien, die mit Napster ein neues Lieblingsfeindbild hochstilisiert haben, ist aber teilweise begründet. Denn auch die Künstler können sich nicht ohne den Einnahmen aus CD-Verkäufen erhalten. Ob der Ruin der Musik nur aus Napster resultiert hätte, ist allerdings mehr als fraglich. Das Vorgehen der Industrie ist zu langsam und zu uneffektiv, um die Piraterie im Netz erfolgreich zu vernichten.

Dieser Etappensieg jedoch ist ein Zeichen der Industrie an die Piraterie, wer die Macht in der Branche hält. Ein Ruf zur Ordnung in der Internet-Anarchie, und sicher nicht der letzte. (eru)

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