Mendel kehrt nach Hause zurück

3. April 2007, 20:15
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Die Entdeckungen Gregor Mendels, Begründer der Vererbungslehre, wurden Zeit seines Lebens missverstanden oder ignoriert

Die genialen Entdeckungen Gregor Mendels, Begründer der Vererbungslehre, wurden Zeit seines Lebens missverstanden oder ignoriert. Erst über den Umweg der USA kommt nun langsam die Wissenschaft von der Genetik wieder nach Hause.

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Gregor Mendel war als experimenteller Biologe seiner Zeit voraus. Er führte seine Kreuzungsversuche über "Pflanzenhybriden" gezielt nach einem Hypothesen-geleiteten Plan durch, und er wertete die Ergebnisse nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ aus, ein methodisches Vorgehen, wie es bisher nur in der Physik, nicht aber in der Biologie, üblich war.

Für seine Untersuchungen verwendete Mendel verschiedene Gartenerbsen, die sich jeweils in ein oder zwei äußeren Merkmalen unterschieden. Bei der Analyse seiner Versuchsdaten stieß er auf Gesetzmäßigkeiten, die später in die so genannten Mendel'schen Vererbungsgesetze gefasst wurden und - wie sich in der Folge zeigen sollte - bei allen sich sexuell reproduzierenden Lebewesen gleich sind. Die Zeitgenossen Mendels, etwa der Schweizer Botaniker Karl Wilhelm von Nägeli, Professor an der Universität München, erkannten die Bedeutung der Mendel'schen Arbeiten nicht. Nägeli behinderte sogar unabsichtlich Mendels Forschung, indem seine Ratschläge für ergänzende Untersuchungen, wie sich später herausstellte, falsch waren.

Die Entdeckungen Mendels über die Gesetzmäßigkeiten der Vererbung, veröffentlicht im Jahre 1865 in Brünn, gehören zu den wichtigsten wissenschaftlichen Leistungen des 19. Jahrhunderts. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Mendels Ideen in ihrer umfassenden Bedeutung erkannt, insbesondere für das Verständnis der Evolutionsprozesse. Auch die Erfolge der molekularen Biologie und der Biotechnologie sind ohne die von Mendel gelegten Grundlagen undenkbar.

Die politischen Umstände der Dreißigerjahre des letzten Jahrhunderts in Deutschland trugen schließlich dazu bei, dass bedeutende Forscher in die USA auswanderten und in der neuen Heimat ihre Karriere unter wesentlich besseren Bedingungen fortsetzten. Die Ironie der Geschichte: Dort, wo die wissenschaftlich fundierte Vererbungsforschung ihren Ausgang genommen hatte, in Wien, wo Mendel studierte und das Rüstzeug für seine späteren Versuche erwarb, und überhaupt im alten Kontinentaleuropa wurde sie als Fachrichtung weit weniger geschätzt und gepflegt als in England und in den USA.

Erst 1985 erhielt die Universität Wien ihren eigenen Lehrstuhl für Genetik. Mit dem Vienna Biocenter und den darin ansässigen Instituten, ist die moderne Genetik endgültig zurückgekehrt. Das einzige Pflanzenforschungsinstitut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) wurde ihm zu Ehren Gregor-Mendel-Institut (GMI) genannt.

Mendels Wirkungsort, die Abtei St. Thomas in Brünn, als Geburtsstätte der Genetik wurde durch den damaligen Direktor des Forschungsinstituts für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien, Kim Nasmyth, im Verein mit seinen Mitstreitern Anna Nasmyth, Gustav Ammerer (Max F. Perutz Laboratorien, Vienna Biocenter) und Dieter Schweizer (Direktor des Gregor-Mendel-Instituts) zu neuem Leben erweckt. Der zu diesem Zweck gegründete Verein zur Förderung der Genomforschung (VFG) nahm sich des Mendel-Museums in Brünn an.

Museum und Conference-Center

Mittlerweile gibt es im Kloster St. Thomas, der Wirkungsstätte Mendels, nicht nur ein repräsentatives Museum, sondern seit 2002 auch ein attraktives Conference-Center. Die Ausstellung "Genius der Genetik - eine Hommage an Gregor Mendel durch Wissenschaft und Kunst" wird derzeit in Chicago gezeigt. Geplant wurde sie von der Londoner Agentur Artakt, die für die Verwirklichung zusammen mit Anna Nasmyth ein neues Konzept, genannt SciArt, wählte. Bevor die Sammlung Ende 2008 nach Brünn zurückkehren wird, ist ihre Ausstellung in Wien geplant. "Es ist wünschenswert und vernünftig, die Ausstellung auch hierher zu bringen", sagt Gustav Ammerer, der wichtigste Sponsor der Mendel-Initiative.

Noch dieses Jahr sollen das Mendel-Center und das Museum in der Abtei St. Thomas an die Stadt Brünn ablösefrei übergeben werden. Die Stadt und ihre Universitäten sowie das Land Mähren sichern die Zukunft des Mendel-Konferenzzentrums und des Mendel-Museums in der Augustiner-Abtei St. Thomas, dieser einzigartigen Pilgerstätte für Genetiker aus aller Welt.

Dabei wird auch stets an Mendels Leben erinnert: geboren 1822 in Heinzendorf in Mähren, aus ärmlichen Verhältnissen stammend, entschied er sich, Mönch des Augustiner-Ordens zu werden, um seine Eltern nicht durch seine Ausbildungskosten und seine brotlosen Forschungsinteressen finanziell zu belasten. Drei Jahre studierte er an der Universität Wien, dann kehrte er nach Brünn zurück. In seinem Denken wurde Mendel von seinen Wiener Lehrern, insbesondere den Gründungsmitgliedern Christian Doppler, Franz Unger und Joseph Redtenbacher der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften (heute ÖAW), stark geprägt. Gregor Mendel starb 1884 an den Folgen eines Nierenleidens. (Bert Ehgartner/DER STANDARD, Printausgabe, 4. April 2007)

  • Die Vererbungslehre von Gregor Mendel könnte auch mit Stiefmütterchen – hier insgesamt vier "Paare" – beginnen, nicht mit Zuchterbsen.
    bildbearbeitung: der standard/lux

    Die Vererbungslehre von Gregor Mendel könnte auch mit Stiefmütterchen – hier insgesamt vier "Paare" – beginnen, nicht mit Zuchterbsen.

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