Forschung von oben herab

3. April 2007, 20:02
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Beim "Space Day" wurde auch über die Bedeutung der Raumfahrt für die Gesellschaft gesprochen

Beim kürzlich stattgefundenen "Space Day", einer Leistungsschau der österreichischen Weltraumforschung, wurde auch über die Bedeutung der Raumfahrt für die Gesellschaft gesprochen. Die Klimaforschung zum Beispiel hat sich dank neuer Satelliten rasant entwickelt.

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Das natürliche Ökosystem der Erde ist vollkommen zerstört. An Bord des Raumschiffes "Valley Forge" hegen drei Astronauten und ein Botaniker seit Jahren in riesigen Biosphären-Kuppeln aus Glas die letzten Exemplare von geretteten Pflanzen und Tieren: Diese düstere Vision stammt aus dem US-amerikanischen Film Silent Running, der 1972 unter der Regie von Douglas Trumbull gedreht wurde. Auch wenn viele Zukunftsszenarien von Space-Filmen aus vergangenen Jahrzehnten mittlerweile von der Realität eingeholt wurden, gehört die Vision der Arche-Noah-Funktion von Raumschiffen bis dato eindeutig in den Bereich der Fiktion.

Trotzdem kommt der Weltraumforschung gerade im Bereich der Umweltveränderungen eine tragende Rolle zu, wie Volker Liebig, Direktor für Erdbeobachtungsprogramme der Europäischen Weltraumorganisation ESA, unterstreicht. Der Weltraumforscher hielt vergangene Woche im Rahmen eines vom Infrastrukturministerium und der österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) veranstalteten "Space Days" im Wiener Siemens Forum einen Vortrag über laufende und geplante ESA-Projekte sowie über die Notwendigkeit der Weltraumforschung.

"Vielen ist nicht bewusst, dass wir die exakten Basisdaten zur Beobachtung der globalen Klimaveränderungen zu einem großen Teil der Raumfahrt verdanken", sagte Liebig im Interview. Und weil Weltraumforschung nun einmal etwas koste - die ESA verfügt über ein jährliches Budget von 3 Milliarden Euro, davon kommen etwa 33 Millionen (1,2 Prozent) aus Österreich - sei dann oft die Frage nicht weit, ob das Geld nicht sinnvoller investiert werden könnte.

"Dabei wird verkannt, dass die Weltraumforschung seit Langem in unserem Alltag angekommen ist", sagte Liebig. Ob Internet, Wetterbericht oder die satellitengestützten Navigationssysteme GPS - längst habe diese Forschung nicht mehr nur mit Dingen zu tun, die weit von uns entfernt irgendwo im All stattfinden. Und auch wenn Missionen missglückten, wie etwa der Erststart des Satelliten CryoSat im Jahre 2005, sei das kein Grund, an der Sinnhaftigkeit solcher Projekte zu zweifeln.

Das dramatische Fortschreiten der Veränderungen in der Arktis mache die Notwendigkeit der Wiederholung dieses 150-Millionen-Euro-Projektes deutlich. Während es mit den bisherigen Satelliten nicht möglich ist, die Dicke der Eisdecke im Meer exakt zu messen, werde dies mit CryoSat 2, dessen Start für 2009 geplant ist, möglich sein, erklärte Liebig. Aus der regelmäßigen Bestimmung der Eisdicke ließen sich dann weitere Entwicklungen berechnen - auch, ob wir in Zukunft gar eisfreie Sommer in der Arktis bekommen.

Damit wiederum seien kapitale politische Konsequenzen verbunden: Zunächst beeinflusse es die Erderwärmung, wenn die Sonnenstrahlung nicht mehr auf Eis, sondern auf Wasser treffen. Zudem seien mögliche neue Seewege und der Zugang zu Rohstoffen in der Arktis - wie etwa Öl - von großer Bedeutung.

Nicht unterschätzen sollte man laut Liebig auch die so genannten Nebenprodukte der Weltraumforschung. Der Erdbeobachtungsexperte nennt hier als Beispiel die technologisch ausgeklügelten Tanks der Trägerrakete Ariane, die auch für die nächste Generation von wasserstoffbetriebenen Autos eingesetzt werden könnten. Aber ist die europäische Raumforschung gegenüber den Aktivitäten der NASA, die mit etwa 12 Milliarden Euro immerhin ein etwa vier Mal so hohes Jahresbudget wie die ESA hat, überhaupt wettbewerbsfähig? "Europa ist in sehr vielen Bereichen sogar besser", sagte Liebig. Die Amerikaner würden fast das gesamte Budget für die bemannte Mondfahrt aufwenden. Die ESA dagegen investiere vor allem in die Anwendungsforschung.

Der bemannten Raumfahrt seien zwar einige durchaus wichtige Erkenntnisse, etwa über Krankheiten wie Osteoporose oder bestimmte Reisekrankheiten, die im All viel stärker ausgeprägt auftreten, zu verdanken. Die bisherigen Forschungserträge stünden allerdings in keinem Verhältnis zu den enormen Ausgaben. "Es handelt sich hier vielmehr um einen Menschheitstraum", sagte der Weltraumforscher, was durchaus auch seine Berechtigung habe. "Wir Menschen sind neugierig. So wie es zu unseren Träumen gehörte, in die Meerestiefen vorzudringen, die höchsten Berge zu bezwingen oder zu fliegen, so ist es auch mit der Reise ins Weltall."

Der Komet kommt

Wie hält es ein Weltraumforscher eigentlich mit Filmen, die im Weltall spielen? "Ich schaue mir das natürlich alles an. Ich muss ja wissen, welche Vorstellungen von der Raumfahrt die Massen beeinflussen." Und oft seien die Visionen gar nicht so unrealistisch. Dass ein Komet auf die Erde zurast, wie dies im amerikanischen Blockbuster Armageddon vorkommt, sei nicht auszuschließen. Schließlich sind auch die Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren wahrscheinlich aufgrund eines Meteoriteneinschlages ausgestorben, konstatiert Liebig nüchtern. Ob uns dann aber ein selbstloser Held wie Bruce Willis in Armageddon retten kann, sei freilich eine andere Frage. (Sabina Auckenthaler/DER STANDARD, Printausgabe, 4. April 2007)

  • Volker Liebig, Direktor für Erdbeobachtungsprogramme der Weltraumorganisation ESA.
    foto: der standard/esa

    Volker Liebig, Direktor für Erdbeobachtungsprogramme der Weltraumorganisation ESA.

  • Das Grazer Institut für Weltraumforschung, zuletzt an der NASA-Mission "Themis" beteiligt, war beim "Space Day" präsent.
    foto: der standard/iwf

    Das Grazer Institut für Weltraumforschung, zuletzt an der NASA-Mission "Themis" beteiligt, war beim "Space Day" präsent.

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