Ruhestörung in Villgraten

4. April 2007, 12:29
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Auch das Villgratental ist Objekt der Begierde der Seilbahnwirtschaft - Der Alpenverein spricht von einem "Faustschlag" - und hat das Land auf seiner Seite

Sillian/Innervillgraten - In den 1990er-Jahren hat das Osttiroler Villgratental auf Touren- und Langlaufski, das heimische Berglamm und die "Kulturwiese" gesetzt. Seither sind Bettdecken und Dämmstoffe des wollverarbeitenden Betriebes "Villgraten Natur" ebenso weithin ein Begriff wie das Lammzungengröstl von Monika Mühlmann vom Gannerhof. Sechzig Prozent mehr Urlauber als vor zehn Jahren suchen die Winterlandschaft im "Seiten-Seitental", wie der Volkskundler und Schriftsteller Johannes E. Trojer seine Heimat genannt hat. Nur über die von Trojer-Schülern initiierte Villgrater Kulturwiese, eines der originellsten Kulturprojekte Österreichs, ist Gras gewachsen, nach dem gewalttätigen Ende durch einen Brandanschlag.

Für Wirbel im derzeit liftlosen Villgratental sorgen jetzt Pläne eines der einflussreichsten Tiroler Seilbahnbetreiber. Heinz Schultz, der neben den Bergbahnen Hochzillertal auch die Bergbahnen Hochpustertal kontrolliert und in Osttirol bereits das Skischaukelprojekt Kals/Matrei betreibt, möchte vom Gipfel des Thurntaler (2408 m), der von der Sillianer Seite aus bereits erschlossen ist, nach Inner- villgraten hinunter. Eine Talabfahrt und zwei Sesselbahnen retour, hinauf zur Thurntalerrast, sind geplant. "Verhandlungen mit den Grundbesitzern laufen. Die Stimmung ist gut", freut sich Schultz.

Massiver Widerstand

Das Projekt, das vom Bürgermeister unterstützt, im Tourismusverein aber skeptisch betrachtet wird, stößt auf massiven Widerstand des Alpenvereins (OeAV) und findet auch nicht die Zustimmung von Tirols Naturschutzlandesrätin Anna Hosp (ÖVP). Bei einer Aussprache mit Vertretern des Alpenvereins hat Hosp kürzlich klargestellt, dass es sich beim geplanten Ausbau um eine Neuerschließung handle, die laut Landesraumordnungsprogramm von 2005 "nicht genehmigungsfähig" sei. Anton Sint von der Alpenvereinssektion Sillian nennt das Projekt einen "Faustschlag" und verweist darauf, dass es auch den Lebensraum schützenswerter Vögel berühre. Auch der Alpenverein Südtirol (AVS) ist besorgt: Die Talstation würde dort errichtet, wo sich ein Ausbildungshaus des AVS befindet. Der AVS fand in Villgraten Aufnahme, nachdem er vom Südtiroler Kronplatz wegen Neuerschließungen weichen musste. Innervillgraten, sagt Peter Haßlacher vom OeAV, soll zudem in die Gruppe der "Bergsteigerdörfer" aufgenommen werden, die sich dem Wandertourismus verschrieben haben.

Ebenso "unzulässig" ist laut Hosp die zweite geplante Skischaukel in Osttirol: von Sillian ins Südtiroler Sexten über den Füllhornsattel. Auch dies sei eine Neuerschließung, betonte Hosp in einer Antwort auf eine Anfrage der Grünen. (Benedikt Sauer/DER STANDARD-Printausgabe, 03.04.2007)

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    foto: alpenverein
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