Feminismus positiv besetzen

1. April 2007, 18:00
75 Postings

Die erste Wiener FrauenFrühlingsUni seit 17 Jahren will Positionen, Generationen und Wissen verknüpfen - ein Diskussionsprotokoll

Am Freitag Abend wurde die erste FrauenFrühlingsUni seit 17 Jahren im Wiener Alten AKH eröffnet. Mit einem feministischen Thesenrap, der leider ohne die Inputs der Frauenministerin auskommen musste. Die hatte sich zwar angekündigt, doch einen Rückzieher gemacht und eine Stellvertreterin ausgesandt, die sich anscheinend am Campusgelände verlaufen hat, zumindest ist ihr Platz am Podium leer geblieben. Die Abwesenheit der Frauenministerin enttäuschte, Birge Krondorfer, Philosophin und schon Mitinitiatorin der letzten FrauenFrühlingsUni 1990, hätte gerne mit ihr ein wenig "gecatcht" und sie auf die veraltete Sozialpolitik angesprochen, im Sinne derer sie angeblich frauenpolitische Säulen wie Gewalt und Kinderbetreuung vor sich her trage. Das sei zu verkürzt und passiv.

Im Gegensatz zur Frauenministerin hatten neben Krondorfer auch Anneliese Erdemgil-Brandstätter von der Frauenberatungsstelle Kassandra, Daniela Almer von den autonomen Österreichischen Frauenhäusern und Elisabeth Günther, Assistentin der Projektleitung am Institut für Sozialpolitik, den Weg aufs Podium gefunden. Die Moderatorin und Falter-Autorin Nina Horaczek stimmte die anwesenden Frauen auch gleich auf den Netzwerkerinnen- und D.I.Y-Charakter der Frauenuni ein. Jede wurde zum Mitdiskutieren nicht nur eingeladen, sondern aufgefordert, und so gab es auch Kritik an der Veranstaltung aus dem Nicht-nur-mehr-Publikum.

Frauenräume

Dass selbst in diesem Rahmen Alltagssexismus hingenommen werde, zeige sich am Beispiel der Veranstaltungsankündigung auf der Webseite des Lokals, in dem das offizielle Eröffnungsfest der Frauenuni stattgefunden hat, lautete ein Einwurf. Da wäre es als "kleine, private" Feier erwähnt worden, und keine hätte dagegen etwas unternommen. Eine weitere Kritik betraf den Ausschluss von Männern, wo doch etliche auch feministische Mitstreiter wären. Die Reaktion darauf war deutlich und ließ die Frage aufkommen, was bei der Vermittlung von grundsätzlichen feministischen Anliegen falsch gelaufen ist - es folgte also die Neuauflage einer alt bekannten Antwort: Frau solle sich nicht zur Handlangerin für männliches Wissen machen, die Frauenuni sei eben ein Frauenraum. Wobei das nicht heiße, dass andererorts keine Vernetzung stattfinden könne. Jedoch ist frau nach wie vor von der Wichtigkeit eigenständiger Vernetzung - auch im "geschützten" Raum - überzeugt. Männer tendierten nämlich dazu, sich zu Wortführern aufzuschwingen, den Dialog als Ort der Handlung einzunehmen, und Frauen müssten dann mal wieder zurückstecken. Das wolle frau nicht, schon gar nicht in diesem Rahmen.

Ich bin Feministin weil,...

Stichwort mitmachen: Bunte Kärtchen wurden ausgegeben, jede sollte für sich beantworten, warum sie Feministin ist und die Wordrapperinnen am Podium nutzten die Einstiegs-Vorlage, um ihre Positionen klar zu machen. Erdemgil-Brandstätter bezeichnete sich als Feministin aus früher Erfahrung, es als Mädchen unbehaglicher zu haben als die Verteter des männlichen Geschlechts. Almer sei Feministin, weil es keine Alternative gebe, und Krondorfer aus dem Gefühl heraus, dass in der Welt etwas nicht stimme, aus dem Gerechtigkeitssinn heraus: Sich zur Wehr zu setzen gegen die symbolische Ordnung des Phallozentrismus und der männlichen Dominanz im gesellschaftlichen Gefüge sei Konsequenz daraus. Die Behauptung, Feminismus sei Out, stimme nicht - die Geschlechterdifferenzen hätten sich nicht in Wohlgefallen aufgelöst, so Krondorfer.

Günther wiederum modifizierite die Eingangsfrage für sich ein wenig, und ließ wissen, warum sie heute noch immer Feministin sei: Aus dem Wunsch heraus, die Gesellschaft zu verändern, die nach wie vor von Ungerechtigkeit gegenüber Frauen geprägt sei.

Was bedeutet Feminismus?

Dass Feminismus Kraft gibt, waren sich alle recht einig, wie die zweite Vorlage zeigte. Erdemgil-Brandstätter betonte, dass es für jede wichtig wäre, ihre Rechte zu (er)kennen, sich zu politisieren. In ihrem Arbeitsalltag stelle sie immer wieder fest, wie das die hilfesuchenden Frauen entlaste, wenn die Frage nach der persönlichen Schuld an der Situation oder die Idee des persönlichen Versagens wegfalle, wenn strukturelle Gegebenheiten auch mit einbedacht werden. Günther brachte in diesem Zusammenhang das Thema Gläserne Decke zur Sprache: Zu sehen, dass es auch am Außen liegt, wenn frau in den Uni-Strukturen nicht so weiterkommt wie viele männliche Kollegen, sei tatsächlich eine Entlastung, insofern gäbe Feminismus auch Kraft. Horaczek wies auf die aktuelle Professorinnen-Quote an den Österreichischen Unis hin, die bei etwa 13 Prozent liegt. Krondorfer akzeptierte das Beispiel Universität als symbolisches Kulturfeld, an dem ganz gut aufgezeigt werden könne, woran es generell hakt. Sie fragte nach dem Widerstand gegen Entscheidungen wie die gegen die Rektorin an der Bildenden am Freitag. Warum liefen die Studentinnen nicht dagegen Sturm, warum werde Enttäuschung nicht artikuliert? Es sei auch immer eine Frage des Geschehen Lassens. Widerstand fehle, konstatierte sie. Sie sieht diesen Stillstand als Konsequenz falsch verstandenen Postfeminismus nach Butler, der als positive Konsequenz die Differenziertheit des Feminismus hervorgebracht hat, aber auch zu einer Entpolitisierung beigetragen habe. Insofern sei die Definition von Feminismus heute nicht mehr so knapp zu fassen. Ein Einwurf aus dem Publikum lautete, wenn sogar schon Bartenstein Feminismus heranziehe, um darunter letztendlich die Mütter-/Kinderbetreuungsfrage abzuhandeln, zeige dies deutlich, dass frau daran arbeiten müsse, den Begriff selbst bestimmen und nicht fremd- und neubesetzen zu lassen.

Gewalt sichert Vormachtstellung

Almer nahm das Themenfeld Gewalt an Frauen als Kontext zur Begriffserläuterung her, betonte die feministischen Wurzeln der Frauenhausbewegung, wo es eben darum ginge, Frauenräume zu schaffen, die auch Handlungsräume sein sollen. Es gehe darum, männliche Privilegien zu erobern - und Gewalt sichere deren Vormachtstellung.

Almer meinte weiter, dass die Fraueneinrichtungen vor lauter Arbeit im politischen Sinn handlungsunfähig seien. Dabei wäre das sowie generationenübergreifender Dialog - und Handlung - nötig. Sie brachte auch Frauen als Mittäterinnen zur Sprache: Dass viele helfen würden, Strukturen zu festigen, nicht aufzubrechen. Dass Armut in ihrer täglichen Arbeit immer mehr spürbar werde, was auch Pensionistinnen betrifft, über die Hälfte müssten mit unter 700 Euro monatlich auskommen. Sie stellte fest, dass Asylantinnen strukturell besonders benachteiligt sind, bei gleichzeitiger Betonung, dass sie nicht stärker von Gewalt betroffen wären - diese Exotisierung von männlicher Gewalt als kulturelles Problem sei falsch.

Kein homogenisierendes Wir

Ein weiteres Thema waren "Quotenfrauen": Können wir, wenn wir nur wollen? Günther wie Krondorfer zweifelten an der Funktion eben dieser als Multiplikatorinnen, eine Frau im Chefsessel genüge nicht. Günther verwehrte sich aber auch gegen eine Art Patronalisierung der Frauen durch den Feminismus, ohne die Solidarität zu verneinen. Frau dürfe anderen nicht vorschreiben, wie sie sich zu verhalten habe und betonte die Individualität "der" Frauen, was Krondorfer als Weigerung gegenüber des "Wir"-Begriffes aus männlicher Wissenstradition Frauen betreffend auslegte. Krondorfer selbst glaube an ein Frauen bezeichnendes/einendes "Wir" - ein differenziertes, kein homogenisierendes. Almer meinte abschließend, eine Vision für die Zukunft könne sein, dem Feminismus den "bösen" Beigeschmack zu nehmen. Schritte dahingehend unternahm die FrauenfrühlingsUni bis 4. April. (red)

  • Elisabeth Günther, Birge Krondorfer, Nina Horaczek,  Daniela Almer und Anneliese Erdemgil-Brandstätter thesenrappten am Podium.
    handyfoto: redaktion
    Elisabeth Günther, Birge Krondorfer, Nina Horaczek, Daniela Almer und Anneliese Erdemgil-Brandstätter thesenrappten am Podium.
Share if you care.