Grenzenlos tolerant?

25. März 2007, 19:11
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Die große kulturelle Auseinandersetzung zwischen einem europäischen und einem vormodernen Islam müssen die Muslime selber führen

Das Frankfurter Prügelurteil von voriger Woche hat die Diskussion um Muslime in Europa wieder einmal voll angefacht. Wo sind die Grenzen der Toleranz ? Wie viel Anpassung muss man von muslimischen Immigranten erwarten, wie viel Respekt sind wir deren Kultur und Religion schuldig ? Die Reaktion der deutschen öffentlichen Meinung und der offiziellen deutschen Islamvertreter war ziemlich einhellig. nämlich negativ für eine Rechtsprechung, die Gewalt im Namen des Islam pardonierte. Trotzdem bleiben einige Fragen offen.

Kurz noch einmal der Hergang: Ein muslimischer Ehemann, aus Marokko gebürtig, prügelt seine in Deutschland geborene Frau. Diese verlangt die sofortige Scheidung noch vor Ablauf des vorgeschriebenen Trennungsjahres. Sie wird abgewiesen. Die Richterin sagt, die Frau hätte wissen müssen, dass im Kulturkreis ihres Mannes das Züchtigungsrecht des Ehemannes unter gewissen Umständen üblich sei, und verweist auf eine diesbezügliche Koran-Stelle. Die Wogen der Empörung gehen hoch. Das Amtsgericht entzieht der Richterin den Fall, dieser wird noch einmal verhandelt.

Das Ganze liest sich wie eine nachträgliche Bestätigung des jüngsten Buches von Henryk Broder, "Hurra, wir kapitulieren", in dem die drohende Islamisierung Europas heraufbeschworen wird.

Laut Broder geben unsere Eliten zu schnell klein bei gegenüber den Ansprüchen der Islamisten. Die Multikulti-Romantik der Gutmenschen, so die These, führe im Endeffekt dazu, dass die rechtsstaatlichen Normen unseres Kontinents ausgehöhlt werden und die europäische Zivilisation einen Schritt zurück macht. Bitte sehr, da sieht man's, sagen die Straches aller Art, die sich in Sachen europäische Zivilisation ja besonders gut auskennen.

Das Gute an dem Fall Frankfurt ist immerhin, dass er klar gemacht hat: Das Gesetz geht vor kulturellen Befindlichkeiten, Koran hin oder her. (Aufgeklärte Muslime bestreiten diese Koran-Interpretation übrigens.) Frauen prügeln darf man nicht, fertig, Schluss.

Aber wie steht es mit anderen muslimischen Bräuchen? Etwa mit dem Verbot, das muslimische Mädchen daran hindert, in der Schule am gemeinsamen Schwimmunterricht mit Buben teilzunehmen? Mit dem Kopftuch für Lehrerinnen? Oder mit der Sitte, dass am Freitagsgebet in der Moschee nur Männer teilnehmen dürfen? Fortschrittliche Muslime und besonders Muslimas fordern mit Nachdruck einen "europäischen Islam", der alle Beschränkungen für Frauen aufhebt.

Der wohlwollende Beobachter neigt dazu, sich zu denken, das sollten sich die Gläubigen untereinander ausmachen. Da hat der laizistische Staat nichts dreinzureden, ebenso wenig wie beim Konflikt zwischen Progressiven und Traditionalisten in den christlichen Kirchen.

Und der Außenstehende hat auch ein gewisses Verständnis für dörflich geprägte Einwandererfamilien, die ihre Töchter vor der allzu großen Freizügigkeit im Gastland schützen wollen. Sex unter Dreizehnjährigen und Pornovideos als selbstverständliches Nachmittagsvergnügen sind an vielen deutschen Großstadtschulen gang und gäbe. Kein Wunder, dass viele Eltern entsetzt sind. Da wird leicht Liberalität mit Laster gleichgesetzt und das Familiengetto zur schützenden Festung.

Vorderhand müssen wir uns wohl mit der Regel begnügen: Vorrang für den Rechtsstaat, Kopftuch ja, Ehrenmorde und Prügel nein. Die große kulturelle Auseinandersetzung zwischen einem europäischen und einem vormodernen Islam werden aber wohl oder übel die Muslime selber führen müssen, und sie wird wohl noch einige Zeit dauern. (Barbara Coudenhove-Kalgeri, DER STANDARD, Printausgabe, 26.3.2007)

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