"Soll ich mir zu einer Katastrophe gratulieren lassen?"

24. März 2007, 10:00
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Am 24. März wird Martin Walser 80 Jahre alt - Wolf Scheller sprach mit ihm über Heimat, den Zeitgeist und Religiosität

STANDARD: Herr Walser, Sie haben Ihr Leben lang am Bodensee gewohnt, und viele Ihrer Romanhelden erleben hier ihr "Unglücksglück". Was bedeutet Ihnen Heimat?

Walser: Die strengste Auslegung dieses Wortes ist für mich, dass Heimat eine Zeit ist. Ich sage: Heimat ist das, was man nicht mehr hat. Heimat ist Kindheit, und später, wenn man sich aus den Gegenden der Kindheit und den Häusern der Kindheit entfernt hat, dann hat man diese Heimat nicht mehr, beziehungsweise: Man hat sie dann im Kopf, in der Seele – oder wo man es lieber haben will. Aber es gibt sie nicht mehr, diese Art von umgrenzter Sicherheit. Dass ich hier wohne, hat mit Heimat nichts zu tun. Das ist nicht der Fall. Es gibt viele Gründe, warum ich hier wohne, die summieren sich nicht zu dem Wort Heimat. Es gibt etwas sehr Wichtiges hier für mich: dieser See, dieses Wasser, diese Möglichkeit, ein paar Monate lang jeden Tag zu schwimmen nach der verkrampfenden Schreibtischarbeit. Das ist fabelhaft, und das brauche ich, und ohne das möchte und könnte ich wahrscheinlich nicht sein. Aber Heimat, das Wort, verwende ich dafür nicht. Natürlich, jetzt kommt sozusagen der politische Begriff Heimat: Eine Zeit lang war das Wort bei uns aus guten Gründen in Verruf. Ich habe dann trotzdem einem Maler zuliebe, seinen Aquarellen zuliebe Texte publiziert unter dem Titel Heimatlob. Das kann man auch. Aber der ganz strenge Begriff ist eben die Kindheit.

STANDARD: Der Philosoph Martin Heidegger hat seine Definition von Heimat als den Weg zu einer Bank in seiner Lieblingslandschaft beschrieben, mitten im Wald. Welches Bild haben Sie vor Augen?

Walser: Ich habe da Wasserburg in einer unendlichen Vielfalt mit allen Personen, die in meiner Kindheit und Jugend da herumgelaufen sind. Wir hatten ja eine Wirtschaft, eine Gaststätte. Da war also Wasserburg zu Gast. Da habe ich also sehr viele Menschen ganz von selbst aufgenommen. Ich habe nicht gewusst, dass die in mir so bleiben werden, dass ich da eine Galerie von Charakteren, Gesichtern und Köpfen und Leibern und Ausdrucksweisen mitgekriegt habe. Und das alles ist meine Heimat.

STANDARD: Sie haben sich nie als politischer Schriftsteller begriffen und haben sich doch immer wieder auch zu politischen Themen geäußert, etwa in den Sechzigerjahren im Wahlkampf für Willy Brandt. Später haben Sie sich dann deutlich zurückgehalten. Ist Politik für Sie etwas Unästhetisches, Wesensfremdes?

Walser: Nein. Die Bezeichnung "politischer Schriftsteller" passt nach meinem Empfinden nur zu Intellektuellen, die im engsten Sinn politisch denken und schreiben. Das heißt nun aber nicht, dass ein Intellektueller, der kein politischer Schriftsteller ist, niemals das so genannte Wort ergreifen dürfte. Gut, ich habe mich dann verschiedentlich nicht beherrscht und mich geäußert. Etwa beim Vietnamkrieg. Mir war das unangenehm, dass wir diesen Krieg sozusagen mit den Amerikanern solidarisch empfinden sollten. Damals wollte ich eine andere Stimmung befördern, und das darf und kann ein Schriftsteller ja wohl auch. Genützt hat es zwar nichts. Aber ich glaubte, ich müsse das tun. SPD und CDU waren damals ganz von selber schon eine große Koalition. Da hat man sich dann immer wieder zu irgendetwas gemeldet oder geäußert. Der nächste größere Anlass war dann die deutsche Teilung, die mir immer unangenehmer wurde.

STANDARD: Sie sind damals in die deutschnationale Ecke gedrängt worden?

Walser: Ja, vorher war ich ein Kommunist, weil ich gegen den Vietnamkrieg war, wozu man noch sagen darf, dass der damalige amerikanische Verteidigungsminister McNamara in seinen Memoiren später geschrieben hat: Der Vietnamkrieg war ein Fehler. Das hat zwei Millionen Menschen das Leben gekostet, war ein Fehler … kann man nachher sagen. Das ist die Einteilungsroutine der Gesellschaft und der Medien. Damals sagte man, wenn man damit nicht konform war: Sie stehen nicht mehr auf dem Boden des Grundgesetzes. Das war die Exkommunizierformel.

STANDARD: Heute protestieren Sie gegen den Irakkrieg?

Walser: Ja, das habe ich. Man hat mich gefragt. Ich habe das nicht von mir aus gemacht. Und ich habe gesagt: Nach allem, was wir von Vietnam noch im Kopf haben, kann das im Irak nicht gut gehen.

STANDARD: Wie kommen Sie mit der heutigen großen Koalition zurecht?

Walser: Wir haben immer schon eine große Koalition gehabt. Ich habe schon in den Sechzigerjahren in meine Tagebücher geschrieben: Wer SPD wählt, kann genauso gut CDU wählen und umgekehrt. Nur vielleicht ein politischer Schriftsteller, explizit argumentierend, sagt: Um Gottes Willen, das ist doch ein Riesenunterschied.

STANDARD: Nach dem Eklat um Ihre Paulskirchen-Rede und Ihrer Auseinandersetzung mit Ignaz Bubis wurden Sie als Antisemit beschimpft. Ihre Lesungen wurden zum Teil massiv gestört. Haben solche Verletzungen bei Ihnen Spuren hinterlassen? Wie gehen Sie damit heute um?

Walser: Ich habe nicht das Gefühl, dass ich damit schlecht umgegangen sei. Also die Rede in der Paulskirche. Ich habe da keinen Satz zurückzunehmen. Was dann da losging, halte ich für Zeitgeist-Theater. Der Zeitgeist braucht immer solche Aufgeregtheiten, wo man jemanden beschimpfen kann. Dem Zeitgeist ist es auch egal. In der nächsten Saison regt er sich wegen etwas anderem auf. Natürlich, für mich, für den jeweils Beschimpften, ist es etwas anderes als für die Beschimpfenden. Für mich hat es schon Folgen. Wenn heute ein Buch von mir etwa ins Französische übersetzt wird, dann kommt auch in sehr guten Kritiken immer die Paulskirchen-Rede vor. Kürzlich hat die größte amerikanische Theaterzeitschrift über Inszenierungen meiner Tochter Theresa ausführlich berichtet und mich als denjenigen vorgestellt, der sich gegen die "Instrumentalisierung des Holocaust" gewehrt habe. Ich habe seitdem keine englischen Übersetzungen meiner Bücher mehr.

STANDARD: Gibt es zwischen der öffentlichen Debatte um Ihre Kontroverse mit Ignaz Bubis und Reich-Ranicki und der Diskussion um Günter Grass und sein Bekenntnis, bei der Waffen-SS gewesen zu sein, Parallelen? Sind da auch Steuerungsmechanismen am Werk?

Walser: Das halte ich für eine mutwillige Wehleidigkeit. Es ist doch kein böser Geist da, der eine Generation abräumen will. Es gibt immer einzelne Zeitgeistaufregungen, die haben alle Anlässe für sich – und die muss man jetzt nicht zusammen summieren.

STANDARD: Gibt es Entscheidungen, von denen Sie heute sagen: Das hätte ich lieber nicht gemacht?

Walser: Es tut mir leid. Ich habe sicher vieles falsch gemacht. Es sind alles Irrtümer, die gehören zu meinem Leben. Es wäre lächerlich, wenn ich sagen würde, dieses oder jenes hätte ich lieber nicht gemacht. Das hat bei mir immer mit Schreiben zu tun. Meine ganze politisch-intellektuelle Entwicklung hatte von Anfang an, von meiner katholischen Kindheit an bis zu meiner Ernst-Bloch-Lektüre, das simple Ziel, dass mehr Gerechtigkeit sein sollte in der Welt. Alles, was mir sprachlich im Vokabular missraten ist, halte ich für Irrtum. Wenn ich bei meiner Sprache geblieben bin, dann war das eben für mich notwendig. Also, die Paulskirchen-Rede ist von A bis Z meine Sprache, und da habe ich nichts zu korrigieren.

STANDARD: Sind Sie religiös?

Walser: Ja, das ist eben auch Kindheit. Wenn man eine solche Kindheit hatte wie ich – und eine solche Mutter –, dann kann Religion nie mehr aus diesem Leben verschwinden. Man lernt dann Menschen kennen, deren Religiosität intensiver ist als die eigene und die man deswegen bewundert. Heute betrachte ich die Glaubensfähigkeit wie das Musikgehör. Manche Leute haben das Musikgehör, manche haben es nicht. Manche haben die Fähigkeit, etwas Großes zu glauben, und andere haben diese Fähigkeit nicht. Ich habe mich immer damit beschäftigt. Ich mag das eigentlich gar nicht Religion nennen, aber es gibt natürlich wenig Wörter dafür. Das simpelste Beispiel etwa ist für mich das Weihnachtsevangelium – das ist große Literatur, das ist Dichtung, das ist unübertrefflich in seiner Eindringlichkeit. Und wenn man von Anfang an solche Texte schon als Kind mitbekommen hat, dann kann man doch als jemand, der selber in der Sprache daheim ist, nie darüber hinauskommen. Das geht nicht. Was uns da überliefert ist, hat uns geprägt und lässt uns auch dann nicht los, wenn wir uns echt oder scheinbar emanzipieren oder zu emanzipieren glauben. Ich bin ja auch ein großer Nietzsche-Leser. Das ist vielleicht der Autor, den ich am längsten lese, auch mit seinem berühmten Schlagwort: Gott ist tot.

STANDARD: Haben Sie Angst vor dem Tod?

Walser: Angst vorm Sterben. Das ist natürlich übertrieben. Ich werde Angst haben. Da bin ich ziemlich sicher.

STANDARD: Freuen Sie sich denn auf Ihren Geburtstag?

Walser: Nein, nein, nein ... Wenn ich das krass ausdrücke: Soll ich mir zu einer Katastrophe gratulieren lassen?

(Wolf Scheller / ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.03.2007)


Wolf Scheller ist Rundfunkjournalist in Köln mit dem Schwerpunkt Literaturkritik.

Zur Person:
Martin Walser wurde am 24. März 1927 als Sohn eines Gastwirtes in Wasserburg am Bodensee geboren. Als Zehnjähriger verlor er seinen Vater. Ab 1943 war er Flakhelfer. Nach dem Krieg machte er Abitur und studierte in Regensburg und Tübingen Literaturwissenschaft, Philosophie und Geschichte. Anfang der 1950er-Jahre arbeitete er beim Süddeutschen Rundfunk. Der Durchbruch als Schriftsteller erfolgte 1957 mit seinem Romanerstling "Ehen in Philippsburg". Seither schuf Walser ein vielseitiges, aber auch um- strittenes Werk (Romane, Novellen, Theaterstücke, Hörspiele, Aufsätze und Reden). Immer wieder mischte sich Walser auch in politische Diskussionen ein, etwa zur deutschen Wiedervereinigung. Heftig umstritten war im Jahr 1998 seine Rede anlässlich der Verl-eihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels mit Walsers Kritik an der "Instrumentalisierung von Auschwitz" und sein Roman "Tod eines Kritikers". 2004 wechselte Walser vom Suhrkamp-Verlag (wo er seit 1955 136 Bücher veröffentlicht hatte) zu Rowohlt, wo vor einigen Tagen der schmale Lyrikband "Das geschundene Tier. 39 Balladen" (€ 17,40) erschien.

  • "Heimat ist das, was man nicht mehr hat": Martin Walser 2003 am Bodensee.
    foto: peter peitsch

    "Heimat ist das, was man nicht mehr hat": Martin Walser 2003 am Bodensee.

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