Nach tödlicher Lawine in Obertauern: Betroffenheit wegen Strafantrag

27. März 2007, 19:35
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Staatsanwaltschaft zieht vier Mitglieder der Lawinenwarn-Subkommission zur Verantwortung - Prozess am 16. Mai

Salzburg - Nachdem die Staatsanwaltschaft Salzburg wegen des tödlichen Lawinenunglücks im April 2006 in Obertauern Strafantrag gegen vier Mitglieder der Lawinenwarn-Subkommission erhoben hat, herrscht im Ort tiefe Betroffenheit. "Diese Leute setzen ihr Leben aufs Spiel. Wenn es zu einer Verurteilung kommt, wird diese ehrenamtliche, unbezahlte Arbeit keiner mehr machen wollen", befürchtete der Geschäftsführer der Liftgemeinschaft Obertauern, Gerhard Krings, am Freitag.

Krings steht mit seiner Meinung nicht alleine da. Ins selbe Horn stößt der Geschäftsführer der Zehnerkarbahn, Harald Ribitsch. "Es wundert mich sehr, dass es zu einem Strafantrag gekommen ist. Kürzlich wurden von der Landesregierung 72 freiwillige Helfer der Lawinenwarnkommissionen ausgezeichnet. Die vier beschuldigten Mitglieder von Obertauern haben damals alles notwendige getan und auch einen Teil der Piste gesperrt."

Schülerin verunglückt

Am 28. April 2006 donnerte gegen 11.20 Uhr eine gewaltige Nassschneelawine vom "breiten Hang" aus 2.240 Meter Seehöhe genau zu jenem Zeitpunkt in die Tiefe, als eine 15-köpfige Schülergruppe des Wiener Gymnasiums Hagenmüllergasse von der Mittelstation des Zehnerkars auf einem gekennzeichneten Skiweg ("rote Piste") in Richtung Gamsleiten-Lift, Sektion eins, fuhr. Auch zwei Tourengeher seien laut Staatsanwaltschaft von der Lawine erfasst worden. Die Schneemassen begruben eine Lehrerin, eine Schulärztin sowie fünf Schülerinnen und Schüler im Alter von 14 bis 16 Jahren unter sich. Die 14-jährige Lisa-Maria Kappl aus Wien starb wenige Stunden nach dem Unglück im Spital.

Im Visier der Staatsanwaltschaft stehen der 52-jährige Obmann der Subkommission des Zehnerkars, von Beruf Hotelier in Obertauern, weiters der Betriebsleiter-Stellvertreter der Seilbahn und ein Maschinist aus St. Andrä im Lungau - die beiden sind 37 Jahre alt und stammen aus St. Andrä im Lungau - sowie ein 41-jähriger Liftangestellter aus Ramingstein (Lungau).

Sperre der Piste verabsäumt

Trotz örtlicher, akuter Lawinengefahr hätten die Beschuldigten keine Sperre der Verbindungspiste verfügt. Sie hätten fahrlässig eine Gefahr für Leib und Leben herbeigeführt - für eine größere Anzahl von Menschen. Deshalb müssen sich die Vier am 16. Mai vor dem Salzburger Einzelrichter Wilhelm Longitsch wegen des Vergehens der fahrlässigen Gemeingefährdung mit Todesfolge verantworten.

Die freiwilligen Helfer haben bereits im Vorverfahren ihre Unschuld beteuert. "Ich bin mir keiner Schuld bewusst", sagte der stellvertretende Betriebsleiter am Freitag zur APA. Es sei sehr überrascht gewesen, als er von dem Strafantrag heute aus den Medien herfahren habe. "Ich kann mir nicht erklären, warum ich zur Verantwortung gezogen werde." Drei der Beschuldigten sind Mitarbeiter der Zehnerkarbahn. Sie hätten nach besten Wissen und Gewissen das Schneeprofil erstellt. "Sie machen ihre Arbeit weiter, setzen weiterhin ihr Leben aufs Spiel", sagte Ribitsch.

Nach der Bergung der Verschütteten sei zehn Minuten, nachdem die letzten Hilfskräfte ins Tal abfuhren, eine weitere Lawine abgegangen. "Obwohl schon vorher die Sachverständigen vor Ort waren, hat keiner eine Warnung abgegeben. Hinterher ist man immer gescheiter", betonte Ribitsch. Vor 41 Jahren tötete eine Lawine in Obertauern 16 Jugendliche aus Schweden. Die beschuldigten "Lawinenwarner" wurden alle freigesprochen, heißt es aus dem Ort.(APA)

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