Harte Arbeit im fernen Osten

1. April 2008, 14:31
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Immer mehr österreichische Kanzleien und Rechtsanwälte folgen ihren Klienten in den asiatischen Wachstumsmarkt – auch nach China

Karin Bauer und Heidi Aichinger haben sich umgehört.

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"Nach Asien zum Lernen"

Ob seine Ausbildung im chinesischen Recht etwa von der Kammer gefördert wurde, hält Anton Becker, Leiter des Asian Desk in der Wiener Sozietät Binder Grösswang für eine amüsante und durch und durch österreichische Frage. Es sei dem österreichischen Denken einfach fremd gewesen, sich so etwas selber auszudenken, sagt er. Immer wieder wurde er damit konfrontiert: "Sicher macht es Sinn, wenn man von einer Kanzlei nach Asien für eine Ausbildung geschickt wird. Die Finanzierung der Ausbildung ist gesichert und in den meisten Fällen auch der Arbeitsplatz."

Für die Zusatzausbildung im chinesischen Wirtschaftsrecht habe er sich während der Zeit als juristischer Mitarbeiter bei EY Luther Menold (German Desk Singapur) entschieden. Es sollte einfach etwas sein, was man am ehesten dort lernen konnte. Markt- oder trendgetrieben sei diese Entscheidung ganz sicher nicht gewesen. "Bereut habe ich den Entschluss zur dieser Qualifikation nicht. Sie erlaubt es mir heute, eine Nische zu füllen", sagt Becker. Wenngleich er in der heutigen Praxis seinen Ausbildungsfokus nicht weiterziehe, zumal das im "Melting Pot" Singapur wenig Sinn mache.

Neben den Unterschieden im Recht (common law und civil law zum Beispiel) seien vor allem die unterschiedlichen Mentalitäten zu berücksichtigen. Interkulturell weniger Geübte verfehlen nicht wenige Fettnäpfchen, weiß Becker.

Was konkret von Kundenseite gefordert wird? Grundsätzlich sieht Becker die Anforderungen an einen Anwalt "sehr universell" – von österreichischer wie asiatischer Seite: "Gute Qualität abliefern und das in einer angemessenen Zeit. Und kosten darf es auch nicht viel", schmunzelt er.

Das Geschäft in Asien nehme zu, aber nicht dergestalt, wie das vielleicht nach außen hin den Anschein mache, so Becker. Zweifellos hinke – was Österreich betrifft – das asiatische Geschäft jenem im Osteuropa hinterher. Ganz anders verhalte sich das etwa im Falle Deutschlands. Das Interesse an asiatischer Rechtsexpertise schließt Becker darauf zurück, dass durch den stärker werdenden Konkurrenzdruck im asiatischen Raum Unternehmen mehr Wert auf eine professionellen Gestaltung der rechtlichen Rahmenbedingungen legen. Die Zeit des "Goldrush" sei gewissermaßen vorbei – jetzt befinde man sich im Stadium professionellen Arbeitens, so Becker.

Konkret arbeite er an individuellen Projekten, etwa einer Auftragsproduktion in China, deren vertragliche Struktur gestaltet werden möchte. Binder Grösswang vertrete unter anderem auch Unternehmen mit asiatischen Tochterunternehmen, Übernahmen seien ein Thema, Due Diligence neben Schiedsgerichts- wie zivilrechtliche Verfahren ein Arbeitsfokus.

Im Rahmen des Asien-Desks der Sozietät stehen dazu akademische Qualifikation in chinesischem Recht vor Ort samt Native Speaker zur Betreuung oder zur Übersetzung von Dokumenten in Originalsprache zur Verfügung. Zusätzlich arbeite Binder Grösswang mit lokalen Kanzleien zusammen: "Kooperationspartner, die ich nach Möglichkeit aussuche und die allesamt Spitzenplätze in den unabhängigen internationalen Rankings einnehmen", so Becker.

"Hatten in China harte Zeiten"

"Dort werden wir wachsen", sind für Willibald Plesser, der für Freshfields von Wien aus für den Asien-Desk verantwortlich ist, die Aussichten zum Thema asiatische Märkte klar. Freshfields sind als einzige österreichische Sozietät mit drei Büros in Schanghai, Peking und Hongkong vertreten, zwei Büros sind in Vietnam etabliert. Zusammen mit Japan arbeiten 160 Freshfields in diesen Märkten. Heuer werden erste chinesische Partner aufgenommen. Im Fokus steht das Transaktionsgeschäft, M&A, die Begleitung der heimischen Konzerne bei ihrer Expansion. Aber der Name der Sozietät taucht auch bei den großen lokalen Börsengängen auf: Bank of China, China Construction Bank.

Jetzt erlebe diese Region wohl ihren Boom, "wir hatten vor zehn Jahren in China aber auch harte Zeiten", so Plesser. Die Chancen für den heimischen Juristennachwuchs? "Wir suchen für dort natürlich Leute", perfektes Rechts-Englisch und Mobilität vorausgesetzt. "Außer in Schanghai, dort haben deutschsprachige Juristen auch ihre Tradition."

Bei Willi Plesser geht das Thema Asien weit über das Geschäftliche hinaus, nämlich ins Familiäre: Einer seiner Söhne war zuletzt ein Jahr auf Schulaustausch in China, nun tritt er seinen Zivildienst als Englischlehrer in einem chinesischen Waisenhaus an.

"In Wien tut sich einiges"

Christoph Liebscher von der Wiener Sozietät Wolf Theiss hat als Leiter der Abteilung Schiedsrecht regelmäßig mit Causen in Zentralasien zu tun, als Parteienvertreter, als Schiedrichter. "Da tut sich am Wiener Platz einiges", allerdings: "Die Chinesen ziehen ihr eigenes Schiedsgericht vor, die Inder gehen nach London."

Liebscher beobachtet allerdings, dass sich Österreicher zunehmend in die asiatische Richtung qualifizieren – dies im Gefolge ihrer Klienten und auch als selbstständige Erweiterung des Tätigkeitsfeldes.

Er selbst wird im kommenden Oktober bei der alljährlichen Konferenz des internationalen Juristenverbandes IBA in Singapur zum "Investitionsschutz in Asien" als Co-Chairman referieren.

"In Wellen"

Im Transaktionsgeschäft der Alix Frank Rechtsanwälte nimmt das Asien-Geschäft derzeit rund 20 Prozent ein, "das kommt aber in Wellen, so wie die Merger-Mania", sagt Alix Frank-Thomasser. Die Expertise der sehr persönlich aufgestellten Wiener Kanzlei sei aus langjähriger Praxis erwachsen, Frank-Thomasser habe das asiatische Parkett gemeinsam mit ihrem Vater schon in den Siebzigerjahren betreten, dann sogar ein Jahr Mandarin gelernt, "das aber eigentlich um Atmosphäre schaffen und aufnehmen zu können".

Alix Frank hat bewusst keine Kanzleien vor Ort gegründet, sie sucht die jeweils benötigten Spezialisten: "Eine Filialisierung muss schon sehr gut durchgeführt sein – das ist oft nicht möglich", sagt sie. Wachstum sieht sie nicht unmittelbar in Volumenssteigerung der Transaktionen ihrer Klienten, sondern "in fünf Jahren im Rückfluss, also in chinesischen Investitionen im Ausland". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.3.2007)

  • Anton Becker (Binder Grösswang)

    Anton Becker (Binder Grösswang)

  • Willibald Plesser (Freshfields)

    Willibald Plesser (Freshfields)

  • Christoph Liebscher (Wolf Theiss)

    Christoph Liebscher (Wolf Theiss)

  • Alix Frank-Thomasser

    Alix Frank-Thomasser

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