Immer mehr Hitze für den Holzbock

19. März 2007, 16:52
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Hängen Regenfälle in Südamerika und Durch­fälle in Afrika zusam­men? Ja, sagen For­scher, durch den Klima­wandel. Der bringt Europa statt Tropenkrankheiten aber Zecken.

Sollten sich wetteifernde Wetterwissenschafter nach dem jüngsten Klimabericht noch immer über Ausmaß und Ursachen der globalen Erwärmung streiten, in zwei Punkten sind sie sich einig: In den vergangenen 100 Jahren ist die weltweite Temperatur stärker angestiegen, als es dem Klima in 1000 Jahren gut täte. Und die Anzahl von jährlichen Extremwettern wie verheerende Dürren und katastrophale Niederschläge nimmt noch immer zu. Von weltweit rund 200 vor etwa zehn Jahren auf heute weit mehr als 300. Und als ob das nicht schon Angstschweiß genug triebe, setzen Tropenmediziner noch eins drauf.

Wetter- und Klimaanalyse

Forscher um den Epidemiologen Sari Kovats von der London School of Tropical Medicine analysierten Daten über Temperaturanstieg, Extremwetter und Epidemien in den betroffenen Gebieten - vorwiegend in Afrika und Asien - und stellten einen eindeutigen Zusammenhang fest.

Das ließe einen ja noch kalt. Denn dass sich Krankheiten, deren Erreger durch Mücken übertragen werden, nach Flutkatastrophen in warmen Gegenden besonders gerne ausbreiten, liegt auf der Hand: In der Feuchtigkeit vermehren sich die Überträger dramatisch, fallen zu Milliarden über die Bevölkerung her. Die Folgen des Blutrausches sind vermehrt Dengue, Leishmaniasen, Australische Encephalitis und natürlich Malaria.

Tropenkrankheiten in Richtung Norden

Überraschend ist aber, dass sich auch durch Nagetiere verbreitete Leiden im Gleichklang mit dem Temperaturanstieg und der Intensität von Extremwettern ausbreiten. Die Forscher konnten dies für das Hanta-Virus belegen, für die Pest vermuten sie es. Und noch etwas vermuten sie: Durch steigende Temperaturen blieben Tropenkrankheiten bald nicht mehr auf bisherige Tropen beschränkt. Denn die wanderten ja klimatreu nach Norden, also Richtung Europa. Aber wandern die regional spezifischen Krankheiten tätsächlich mit? Fällt Österreich ob der bald grassierenden Schlafkrankheit in einen Klimaalbtraum?

"Sicher nicht", beruhigt Tropenmediziner Herwig Kollaritsch vom Wiener Zentrum für Reisemedizin. Denn für eine geografische Verschiebung solcher Krankheiten bedürfe es mehr als ein paar Grad Celsius. Was, erläutert er am Beispiel Malaria.

Gesundheitssystem gegen Malaria

Dem Erreger dieser Krankheit dient der Mensch als Reservoir - die Infektionskette geht vom Menschen über den Überträger (Mücke) wieder zum Menschen. Zwar könnte sich laut Kollaritsch die noch ganz im heißen Süden Italiens vorkommende Überträgermücke für die Malaria tropica theoretisch durch den Klimawandel über die gesamte EU ausbreiten. Doch was dann? Die blutsaugenden Überträger müssten genügend Malariakranke finden, um ihr infektiöses Volksfest zu beginnen. "Wir haben aber ein funktionierendes Gesundheitssystem, und daher ließen wir Malariakranke, so wir welche hätten, nicht auf der Straße herumlaufen", erklärt Kollaritsch. Wie also sollte eine Epidemie vonstatten gehen, wenn die Viecher nichts Erregendes abzusaugen und auszuspeien hätten? Dasselbe gelte auch für Dengue und alle anderen tropischen Infektionskrankheiten, bei denen der Mensch Reservoir sei. Klimawandel hin oder her.

Völlig anders jedoch verhalte es sich mit Krankheiten, bei denen der Mensch von der Natur nicht einmal als Opfer vorgesehen, damit das tote Ende der Infektionskette sei: etwa mit der durch Zecken verbreiteten Frühsommer-Meningo-Encephalitis FSME.

Rasanter Anstieg Wissenschafter wie der Biologe Jochen Süss, Direktor des Friedrich-Löffler-Instituts in Jena, beobachteten seit 1974 eine Zunahme von FSME-Fällen in Europa um 400 Prozent auf jährlich gut 10.000, von denen 35 bis 58 Prozent zu langfristigen neurologischen Problemen, bis zu zwei Prozent zum Tod führen. Ursache sei eindeutig der Klimawandel: Erhöhte Temperaturen und feuchteres Wetter hätten geradezu ideale Bedingungen für den Gemeinen Holzbock geschaffen: Die Population der beißenden Überträger wächst stetig an, die Zecken wandern in immer neue Gebiete ein - in Finnland sind sie bereits bis auf 200 Kilometer an den Polarkreis herangekommen. Weil es eben auch dort immer wärmer wird.

Lebensmittelkeime

Und unappetitlicher. Denn der Klimawandel werde laut dem Mediziner auch dazu führen, dass neue Lebensmittelkeime in Europa auftreten: Durchfall, Übelkeit und anderes verursachende neue Bakterien. Welcher Art, bliebe abzuwarten. Aber "die Zecken", prophezeit Kollaritsch, "werden in Zusammenhang mit dem Klimawandel die größte Herausforderung in Europa". Und weil es nichts Ursächliches gegen FSME gibt, schütze allein die Impfung. (DER STANDARD, Printausgabe,Andreas Feiertag, 19.3.2007)

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    Zecken profitieren vom Klimawandel: Nach dem warmen Winter sagen Experten eine Zeckenplage voraus. Seit 1974 sind die FSME-Fälle in Europa um 400 Prozent gestiegen. Nur Impfen schützt.

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