Jetzt ist Polen doch verloren

13. August 2007, 20:28
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Ist das derzeitige Polen ein würdiges Mitglied der EU? - Von Peter Menasse

Im Vorfeld des Merkel-Besuchs in Warschau war innerhalb der CDU heftige Kritik an den rassistischen Manifestationen der derzeitigen polnischen Regierung laut geworden. Das EU-Parlament sprach am Mittwoch erstmals eine offizielle Rüge aus. - Genügt das?

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In Polen leben heute, 62 Jahre nach der Shoah, nur mehr wenige Juden. Geblieben sind nach der physischen Vernichtung von Millionen Menschen durch die Nationalsozialisten allerdings viele, allzu viele polnische Antisemiten, die ihren Rassenhass trotz der Erfahrungen aus den Jahren 1939 bis 1945 nicht abgelegt hatten und haben. Sie sind in diesem Land nie ausgestorben, haben ihre Positionen nie überdacht, waren stets in allen Parteien vertreten. Jetzt aber sind sie an der Regierung. Der Erziehungsminister des EU-Landes Polen, Maciej Giertych will die Bevölkerung Europas in "gesunde" und "kranke" Menschen geteilt wissen. Die "gesunde" Familie stellt er den Homosexuellen entgegen, Abtreibung will er verbieten lassen, und von der Jugendorganisation "Allpolnische Jugend" zog er sich als Ehrenpräsident erst zurück, als deren Mitglieder auf Fotos mit zum Hitlergruß erhobenen Armen zu sehen waren.

Sein Vater, selbst EU-Abgeordneter wird noch deutlicher. Die Juden, schrieb er unlängst in einer Broschüre, seien eine Gruppe, die sich selbst absondere, ihre eigenen Gettos bilde und sich dadurch auch biologisch verändere. Dieser Gesundheitsbegriff ist bekannt und hat einmal schon nahtlos zu Massenvernichtung von Menschen geführt.

Antisemitismus ohne Juden ist ein Phänomen, das nicht nur in Polen auftritt. Doch erstaunlich mutet es einen schon an, dass die Menschen aus einem Land, das derart unter dem Nationalsozialismus gelitten hat, nicht aus ihrer eigenen Geschichte lernen konnten. Für die Nazis waren auch die Polen Untermenschen. Viele wurden zur Zwangsarbeit gezwungen, eingesperrt, vernichtet. Wer jemals Auschwitz besucht hat, kennt die lange Reihen von Fotografien junger Menschen, die in diesem Konzentrationslager ermordet wurden. Viele von ihnen tragen polnische, nicht jüdische Namen. Sie sind in denselben Gaskammern gestorben, von denselben Schergen gepeinigt worden. Was haben die Polen daraus gelernt? Nichts.

Im "Verlag für Gesellschaftskritik" erschien 1985 das Buch "Jetzt haben wir Ihnen, Meisel!" über die einzige gelungene Flucht eines Österreichers aus Auschwitz. Josef Meisel entkam mithilfe von polnischen, kommunistischen Partisanen 1944 aus dem Vernichtungslager. Mit ihm gemeinsam flüchtete der polnische Jude Szymon Zaydow. Er war als Fluchtgefährte ausgewählt worden, um dem nicht sprachkundigen Meisel in den ersten Tagen in der Freiheit zu helfen, bis Partisanen ihn dann in ihre Obhut nehmen konnten, um ihn nach Krakau in Sicherheit zu bringen. Der polnische Held Zaydow war nicht lange geduldet in seinem Land. Bereits 1956 wanderte er nach Australien aus.

Ein Teil der kommunistischen Partei terrorisierte zu dieser Zeit die wenigen überlebenden Juden und schränkte ihre Lebenschancen ein. Elf Jahre nach dem Holocaust hatten viele Polen bereits wieder alles vergessen. Und die Tradition des Antisemitismus setzte sich all die Jahre hindurch immer weiter fort. Jede Partei warf der anderen in der politischen Auseinandersetzung als "stärkstes Argument" vor, von Juden durchsetzt zu sein und niemand versuchte diese bornierte und dumme Paranoia je zu problematisieren. Derzeit ist sie offizielle Regierungspolitik.

Gut, könnte man jetzt einwenden, was geht das uns hier in Österreich an? Aber diese Position übersieht, dass Polen ein EU-Mitgliedstaat ist. Viele Menschen in Europa, auch hierzulande, haben den Eintritt in die Europäische Union vor allem deswegen begrüßt, weil er ein Garant für ein Leben in einem großen, demokratischen Gebilde zu sein versprach. Wenn jetzt in einem der bevölkerungsreichsten Mitgliedsländer rassistische und Menschen verachtende Parolen von offiziellen Staatsvertretern geäußert werden, müssen die EU-Kommission, das Parlament und die Repräsentanten der nationalen Regierungen darauf eindeutig reagieren. Es kann kein Schweigen geben.

Die offizielle Rüge seitens des EU-Parlamentspräsidenten war ein erster notwendiger Schritt, der polnischen Bevölkerung klar zu machen, dass sie mit der Wahl solcher Volksvertreter die Grundsätze der EU mit Füßen tritt. Es sollte nicht der letzte sein. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.3.2007)

Peter Menasse ist Chefredakteur des von der Arbeitsgemeinschaft jüdisches Forum herausgegebenen Magazins "NU" (nunu.at).
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    Als "die Zwillinge" noch Anlass zu Hoffnungen gaben: Die Brüder Kaczinsky 1962.

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