"Selbstständigkeit, die keine ist"

14. März 2007, 08:45
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Ein Gespräch zwischen GPA-Bundesgeschäfts- führerin Dwora Stein und WKÖ-Experten Martin Gleitsmann, moderiert von Gerfried Sperl

Dwora Stein, Bundesgeschäftsführerin der Gewerkschaft GPA, sieht in der Telearbeit eine weitere Schlechterstellung der Arbeitnehmer, Martin Gleitsmann, Arbeits- und Sozialrechtsexperte der Wirtschaftskammer, erkennt auch Chancen. Die Debatte moderierte Gerfried Sperl.

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STANDARD: Was haben Sie von dieser Veranstaltung gelernt?

Dwora Stein: Arbeiten zu Hause ist ein überschätztes Thema, und ich frage mich, warum es jetzt wieder hochkommt. Ich sehe da einen Zusammenhang zur Atypisierung, ja zur Präkarisierung der Beschäftigung. Aus Arbeitnehmern werde atypisch Beschäftigte: Die Leute machen das Gleiche wie vorher, sind aber arbeits- und sozialrechtlich schlechter abgesichert. Wenn sie dann auch noch zu Hause arbeiten, finanzieren sie die Infrastruktur, die sonst der Arbeitgeber zur Verfügung stellen müsste. Wir dürfen dieses Thema nicht nur unter dem Aspekt der Wohnungsgröße, der Infrastruktur oder der Förderungen diskutieren. Es geht um die Zukunft der Arbeit und die Absicherung der unselbstständig Erwerbstätigen, die in eine Selbstständigkeit gedrängt werden, die in Wirklichkeit keine ist.

Martin Gleitsmann: Wir sind in der Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts ohne den passenden rechtlichen Rahmen angekommen. Wir haben im Arbeitsrecht, bei den Bauordnungen, den Förderungen und der Steuerpolitik Nachholbedarf und brauchen mehr Tempo. Das ist vor allem für Frauen wichtig, denn viele Beispiele belegen, dass das Arbeiten zu Hause die Vereinbarkeit erleichtert. Der Wunsch nach Telearbeit kommt meist von Frauen, die in Karenz gehen und dennoch im Betrieb bleiben wollen. Ich habe noch nie erlebt, dass Unternehmen Teleworker-Plätze fordern. Wer dem Wunsch nachkommt, sind die fortschrittlichen Betriebe, denn das ist auch mit Kosten verbunden.

Stein: Dort, wo Telearbeit geregelt angeboten wird, ist es kein Frauenthema. Bei IBM oder Ericsson ist es ein Unternehmenskonzept mit klaren Vereinbarungen, da wird es zum Männerthema. Es gibt ganz wenige Frauen, die Telearbeit in Anspruch nehmen. Und ich glaube nicht, dass dies eine Erleichterung für Frauen ist – im Gegenteil, es bringt eine Doppelbelastung. Vereinbarkeit von Beruf und Familie braucht andere Dinge.

Gleitsmann: Meine konkrete Erfahrung in der eigenen Abteilung ist eine andere. Ich habe vier, fünf Damen, die sich das gewünscht haben, und eine Mitarbeiterin in einer sehr wichtigen Funktion konnte nur auf diese Weise ihre Arbeit weitermachen. Wir sollten unterscheiden zwischen Telearbeit, die nur zu Hause stattfindet, und einem Mischverhältnis, das in der Realität viel öfter vorkommt – dem Mobile User, der zusätzlich zu Hause arbeitet. Ein anderes Thema sind behinderte Menschen. Ihnen bietet Telearbeit eine grandiose Chance. Die Integration dieser Menschen in die Arbeitswelt ist durch die technischen Entwicklungen, die wir vor 20 Jahren noch nicht gekannt haben, viel leichter geworden.

STANDARD: Es gibt immer mehr Beispiele, dass in Wohnanlagen Arbeitsräume eingerichtet werden. Ist es vorstellbar, dass sich Unternehmen an der Finanzierung solcher Räume beteiligen?

Gleitsmann: Das ist vorstellbar, aber ich sehe nicht, dass das wirklich eintritt. Nirgendwo in Österreich haben Unternehmen in großem Stil Arbeitsplätze ausgelagert, um sich etwas zu ersparen. Telearbeit hat auch Risiken, vor allem für die Teamarbeit. Weiterentwickeln wird sich das Modell, in dem Mitarbeiter teilweise zu Hause arbeiten und dann im Betrieb zusammenkommen.

Stein: Wenn Unternehmen Telearbeit als Konzept anbieten, dann müssen sie sich auch an der Finanzierung der Infrastruktur zu Hause beteiligen. Diese Forderung ist mehr als gerechtfertigt, weil sie sich ja viel im Betrieb ersparen. In den Neunzigerjahren gab es Prognosen, dass 20 bis 25 Prozent aller Jobs in die Telearbeit abwandern werden. Das ist nicht eingetroffen, und es wird auch nicht kommen, aber wir müssen es im Auge behalten. Es stimmt: Die Möglichkeit, in bestimmten Lebenssituationen einen Teil der Arbeit zu Hause zu absolvieren, bringt Vorteile – aber auch Nachteile. Der Betrieb ist ein sozialer Ort, da geht es um Präsenz, Netzwerke und Karrierechancen, Arbeitnehmerinnen sind daher gut beraten dafür zu sorgen, dass Telearbeit nicht zum Massenphänomen wird.

Gleitsmann: Es ist ein klarer Trend, dass Arbeit und Freizeit immer mehr vermengt wird – mit allen Problemen. Das Handy, das gerade in meiner Tasche vibriert, ist ein Teil davon. Beim Arbeitsplatz im Wohnbereich haben wir das Problem des Arbeitnehmerschutzes, und das ist schwer lösbar, vor allem die Überprüfbarkeit. Wollen wir wirklich die Arbeitsinspektoren im Wohnzimmer und im Bad? Ich wünsche mir das nicht.

STANDARD: In den öffentlichen Statements der Spitzenfunktionäre der Kammern ist meist noch von traditionellen Arbeitsbedingungen die Rede. Aber wenn sich die Grenzen zwischen Arbeitnehmern und Unternehmern verwischen, weil Menschen am Vormittag Unternehmer sind und am Nachmittag Arbeitnehmer, haben die Gewerkschaften überhaupt noch ein Mandat?

Stein: Ich bin überzeugt, dass wir ein Mandat haben und dieses Mandat immer wichtiger wird. Man muss schauen, was hinter den Begriffen steckt. Viele, die heute als Selbstständige oder Unternehmer bezeichnet werden, sind in Wirklichkeit abhängig Beschäftigte. Es geht um eine Erweiterung des Arbeitnehmer/Arbeitnehmerinnen-Begriffs in Richtung wirtschaftliche Abhängigkeit. Da haben wir ein Verhandlungsmandat und einen Anspruch darauf, diese Leute zu vertreten. Darüber hinaus gibt es viele, Selbstständige, die sich selbst als einzige Arbeitskraft zur Verfügung haben. Das sind keine Unternehmer im klassischen Sinn, die brauchen gewerkschaftliche Vertretung. Da geht es vor allem darum, die Vereinzelung aufzuheben und diesen Menschen eine Plattform zu geben, damit sie sich mit anderen austauschen und gemeinsam Forderungen aufstellen können. Das sind klassische Themen, die an den Anfängen der Arbeiterbewegung gestanden sind und jetzt für einen größeren Personenkreis gelten.

Gleitsmann: Zunächst ein Kompliment an die GPA, die diesen Weg schon eingeschlagen hat und Beratungseinrichtungen mit Flexwork für genau diese Personengruppe eingerichtet hat. Aber auch die Wirtschaftskammer hat auf diese spannende Frage reagiert. Unglaubliche 53 Prozent unserer 320.000 Mitglieder sind Ein-Personen-Unternehmen, und wir wenden uns mit ganz speziellen Dienstleistungsangeboten an sie. Was wir für diese Gruppe einfordern, sind nicht die klassischen Unternehmerforderungen. Wir wollen einen sozialen Grundschutz für diese Selbstständigen: Es fehlen hier zwar noch einige Puzzlesteine wie die Arbeitslosenversicherung oder ein Pendant zur Abfertigung neu, aber wir haben auf diesem Weg auch schon sehr viel zurückgelegt. Wir haben eine sehr fortschrittliche Position in unserem Land, die uns sehr stark von anderen Ländern unterscheidet. Jetzt müssen wir uns noch stärker auf diese Gruppen fokussieren, die heute mit ihren Anliegen zwischen den alten Blöcken landen: da klassische Unternehmervertretung, dort klassische Dienstnehmervertreter. Das Feld dazwischen wird breiter, und darum müssen wir uns kümmern. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.3.2007)

  • Dwora Stein (GPA) diskutierte mit Martin Gleitsmann (Wirtschaftskammer) über Teleworking und die Zukunft der Arbeit. Gerfried Sperl moderierte.
    foto: standard/newald

    Dwora Stein (GPA) diskutierte mit Martin Gleitsmann (Wirtschaftskammer) über Teleworking und die Zukunft der Arbeit. Gerfried Sperl moderierte.

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