Heikles Leben ohne Arbeitswege

14. März 2007, 08:44
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Immer mehr Menschen arbeiten (auch) von zu Hause - Ein STANDARD- Wohnsymposium diskutierte das Thema Teleworking

In den meisten Wohnungen steht heute ein Computer mit Internet-Anschluss – mitten im Wohnzimmer oder in einem eigenen Arbeitsraum, meist ein umfunktioniertes Kinderzimmer. Und für jeden Bürger, der das Internet bloß zum Online-Shoppen verwendet, gibt es einen, der zu Hause E-Mails anschaut, nicht erledigte Arbeiten vollendet oder gar als Selbstständiger tätig ist.

Architekten beschäftigen sich schon seit Jahren mit der Frage, wie Wohnen und Arbeit unter ein Dach gebracht werden können. Auch gemeinnützige und gewerbliche Bauträger experimentieren immer öfter mit "Home & Work"-Modellen, wo der Arbeitsplatz mehr ist als ein Tischerl im Eck. Doch die gesetzlichen Rahmenbedingungen nehmen auf diese neue Realität der Arbeitswelt überhaupt keine Rücksicht, hieß es auf dem 27. STANDARD-Symposium über die "Zukunft des Wohnens", das sich vergangene Woche dem Thema "Arbeitsplätze im Wohnbereich: Berufschance oder Problemexport" widmete. Arbeitszimmer sind steuerlich kaum absetzbar und werden von der Wohnbauförderung nicht berücksichtigt.

Bei den Vorträgen und Debatten auf der vom Fachmagazin "Wohnen Plus" mitveranstalteten Tagung wurde auch die politische Sprengkraft dieser Frage deutlich. Während die meisten Experten und Praktiker Teleworking als Chance beschrieben, die es zu fördern gilt, warnte die Bundesgeschäftsführerin der Privatangestellten-Gewerkschaft GPA, Dwora Stein, vor einer Auslagerung der Arbeitsplätze in den Wohnbereich. Damit würden sich Unternehmen Kosten sparen, aber den Arbeitnehmern schaden. Für die Gewerkschaft ist dies ein Teil jener Trends, in denen Menschen ungewollt in die Selbstständigkeit gedrängt werden.

Treffen im Betrieb

Entgegen früheren Prognosen ist systematisches Teleworking ein Randphänomen geblieben. Mit gutem Grund, denn die persönlichen Kontakte im Betrieb sind meist unverzichtbar. Wenige Konzerne wie etwa IBM haben Systeme, bei denen Heimarbeit durch regelmäßige Besprechungen im Betrieb ergänzt wird.

Im Einzelfall kann der Computer zu Hause allerdings Arbeitnehmern mehr Wahlfreiheit geben. Der Sozialexperte der Wirtschaftskammer, Martin Gleitsmann, wies darauf hin, dass es meist junge Mütter sind, die darum bitten, von zu Hause arbeiten zu dürfen. Und auch Bawag-Generaldirektor Ewald Nowotny betonte: "Im 'war for talent' gibt es immer wieder Konstellationen, wo interessante Persönlichkeiten nur bei einer gewissen Flexibilität zur Verfügung stehen." Nowotny glaubt auch, dass behinderte Menschen von Telearbeit profitieren können.

Die Chancen und Grenzen der Arbeit im Wohnbereich beschrieb die Psychotherapeutin Brigitte Ettl, die einst gemeinsam mit ihrem Mann eine IT-Firma von zu Hause aus führte. Wer dies tut, brauche viel Disziplin und müsse Wege finden, das Private vom Beruflichen dennoch zu trennen, betonte Ettl. Und ein besonders gefährlicher Irrtum sei der Glaube vieler Frauen, sie könnten sich auf diese Weise die Kinderbetreuung ersparen. "Das funktioniert einfach nicht", sagte auch Johannes Kopf, Vorstand des Arbeitsmarktservice.

Einen Arbeitsplatz in der Wohnung einzurichten ist leicht. Die größere Herausforderung für Architekten und Bauträger ist es, Wohnraum und Büros in räumliche Nähe zu rücken und den Bewohnern die Möglichkeit zu geben, außerhalb der Wohnung, aber im eigenen Grätzel zu arbeiten. Solche Durchmischungen, von denen auch der Geschäftsführer des Wiener Wirtschaftsförderungsfonds, Bernd Rießland, schwärmte, lassen sich allerdings schwer planen.

Viele Versuche

Michael Pech, der Geschäftsführer des Österreichischen Siedlungswerks (ÖSW), erzählte von seinen vielen Versuchen, Büroräume und Wohnungen in einer Anlage zu kombinieren. Meist gingen die Wohnungen weg, während die Büros übrig blieben. Dennoch verfolgt das ÖSW ebenso wie andere Bauträger das Konzept weiter und glaubt, damit letztlich auch Erfolg haben zu können.

Denn Flexibilität und die Überwindung von Grenzen sind Themen, denen sich niemand entziehen kann – weder in der Arbeitswelt, wo Arbeitnehmer zu Unternehmern werden, noch im Wohnbau. Darauf läuft auch der Vorschlag des Architekten Albert Wimmer hinaus, in Neubauten einen Leerstand von fünf Prozent zu fördern – meist im Erdgeschoß. Dann könne man erst nach Bezug der Anlage eine Nutzung beschließen – etwa für Büro- und Arbeitsräume. Wimmers Idee, als Empfehlung seines Tisches vorgetragen, stieß auf Zustimmung. Bei der Abstimmung im Saal wurde sie von neun Tischvorschlägen zum Sieger gekürt. (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.3.2007)

  • Das Wohnzimmer wird zum Arbeitsplatz: Für immer mehr Menschen verwischen sich heute die Grenzen zwischen Job und Privatleben.
    illustration: adsy bernart

    Das Wohnzimmer wird zum Arbeitsplatz: Für immer mehr Menschen verwischen sich heute die Grenzen zwischen Job und Privatleben.

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