Weißes Haus arbeitet an Irak-Rückzugsstrategie

16. März 2007, 11:16
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Pentagon-Vertreter: Naher Osten "allergisch gegen ausländische Präsenz" - Talabani warnt vor schnellem Abzug

Amman/Washington - Das US-Verteidigungsministerium hat einen Zeitungsbericht bestätigt, demzufolge das Pentagon an einer Rückzugsstrategie aus dem Irak für den Fall eines Scheiterns der neuen Sicherheitsoffensive arbeitet. Es wäre "verantwortungslos", wenn die USA nicht über einen Rückzugsplan beraten würden, sollte die geplante Truppenaufstockung die Gewalt in dem Land nicht eindämmen können, zitierte der Sprecher des Weißen Hauses, Gordon Johndroe, am Montag US-Verteidigungsminister Robert Gates. Gates habe erst vergangene Woche betont, es sei fahrlässig, nicht über verschiedene Ausgangsmöglichkeiten des Einsatzes im Irak nachzudenken.

Die Zeitung "The Los Angeles Times" hatte zuvor unter Berufung auf Militärvertreter und Mitarbeiter des Pentagons berichtet, die Rückzugspläne sollten wirksam werden, wenn die von US-Präsident George W. Bush im Jänner verkündete Sicherheitsstrategie und die von ihm durchgesetzte Truppenaufstockung nicht erfolgreich seien oder die Strategie im Kongress behindert würden. Neben einem generellen Abzugsplan werde auch eine stärkere Ausbildung irakischer Sicherheitskräfte erwogen, berichtete die "Los Angeles Times" am Montag.

Die Planungen befänden sich noch in einem frühen Stadium, hieß es unter Berufung auf Militärvertreter und Berater des Verteidigungsministeriums. "Dieser Teil der Welt ist allergisch gegen ausländische Präsenz", wurde ein Pentagon-Vertreter zitiert. "Es gibt nur ein kleines Zeitfenster, und die Möglichkeit eines Einflusses mit einer großen US-Streitmacht kann zu einem Punkt führen, der selbstzerstörerisch ist."

El Salvador

Die neue Strategie orientiere sich an den Erfahrungen der USA in dem lateinamerikanischen Land El Salvador in den 80er Jahren. Im Bürgerkrieg in El Salvador (1981-1992) hatten die USA 55 Spezialkräfte eingesetzt, die die Armee in ihrem Kampf gegen die linksgerichteten Rebellen der Frente Farabundo Marti para la Liberacion Nacional (FMLN) berieten. Nach Ansicht von Historikern gelang es, die Armee El Salvadors zu professionalisieren, ohne dass die USA sich mit einem massiven Militäraufgebot engagieren mussten.

Bush hatte Ende Jänner seine neue Irak-Strategie vorgestellt, die eine Aufstockung der etwa 141.000 US-Soldaten im Irak um weitere 21.500 vorsieht. Die zusätzlichen Stationierungen sind im Gang. Damit soll vor allem die Lage in der Hauptstadt Bagdad beruhigt werden, wo es immer wieder zu Anschlägen mit zahlreichen Toten kommt. Die Pläne gelten als die womöglich letzte Chance Bushs, das US-Engagement im Irak zu retten und die Öffentlichkeit wieder auf seine Seite zu bringen.

Kein Aufstocken der Truppen

Am Wochenende hatte Bush dann die Aufstockung der US-Truppen im Irak um weitere rund 4.400 Soldaten gebilligt. Wie das US-Präsidialamt mitteilte, beantragte der Staatschef zusätzliche 3,2 Milliarden Dollar (2,43 Mrd. Euro), um die Aufstockung zu finanzieren. Der neue US-Militärbefehlshaber in dem Golf-Staat, David Petraeus, hatte nämlich erklärt, es würden zusätzliche Soldaten zu den weiteren 21.500 benötigt. Präsidialamtssprecher Gordon Johndroe sagte, die neue Aufstockung sehe die Entsendung von 2.400 Militärpolizisten vor, um mit der steigenden Zahl von Gefangenen mithalten zu können. Zusätzlich sollten 2.000 weitere Soldaten entsandt werden.

Die Rückzugsstrategie würde den Empfehlungen der Kommission um Ex-US-Außenminister James Baker entsprechen, die sich für einen teilweisen Rückzug aus dem Irak ausgesprochen hatte. Die Demokraten im US-Repräsentantenhaus wollen erreichen, dass die US-Truppen bis spätestens August 2008 aus dem Irak abziehen.

Talabani: Angst vor Milizen

Der irakische Staatspräsident Jalal Talabani hat vor einem schnellen Abzug der US-Truppen aus seinem Land gewarnt. Die Regierung befürchte "offen gestanden", dass kurdische und schiitische Milizen die Kontrolle übernehmen würden, wenn die US-Soldaten das Land demnächst verlassen sollten, sagte Talabani der jordanischen Zeitung "Al-Rai" (Dienstag-Ausgabe): "Hunderttausende ausgebildeter Kurden und Schiiten stehen bereit und wären in der Lage, den gesamten Irak zu übernehmen." Daher wäre ein US-Abzug nicht "im Interesse des Landes", solange nicht eine "wirkliche irakische Streitkraft unter Beteiligung aller Teile des irakischen Volkes" bereit stehe, so Talabani.

Der Kurdenführer Talabani teilt Befürchtungen der sunnitischen Araber, sie könnten von Kurden und schiitischen Arabern an den Rand gedrängt werden. Die unter dem 2003 gestürzten Baath-Regime von Saddam Hussein unterdrückten Kurden und Schiiten stellen die Mehrheit im Irak. Talabani hält sich nach einem Schwächeanfall vor zwei Wochen derzeit in einem Krankenhaus in Amman auf. (APA/AFP/Reuters)

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    Ein Antikriegsdemonstrant fordert vor dem Weißen Haus den Abzug der USA aus dem Irak

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