Chris Watson & BJ Nilsen: "Storm"

    1. April 2007, 16:52
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    Zwei Sound-Künstler vom englischen Label "Touch", kooperierten für ein außergewöhnliches Projekt

    Storm ist eine etwas ungewöhnliche Lieblingsplatte. Sie eckt an dem an, was für gewöhnlich Musik genannt wird: das drei Stück lange Album gibt Feldaufnahmen von den Küsten Großbritanniens und Schwedens wieder, aufgenommen während mehrerer Jahre zwischen Äquinoktium und Wintersonnenwende, also zu einem Zeitpunkt, wo es dort am meisten stürmt.

    Schon seit dem Futuristen Luigi Russolo und spätestens ab den elektroakustischen Musikern der 1950er Jahre, galten im Westen Geräusche als Teil der musikalischen Verwirklichung. Doch erst mit John Cage wurden jene für sich betrachtet – der Klang selbst steht im Mittelpunkt: nicht nur Sounds, die von Menschen und mit einer gewissen Absicht produziert werden, gelten als anhörenswert, sondern jedes Geräusch. Und 1977 schuf der kanadische Komponist R. Murray Schafer mit The Tuning of the World den Begriff "Soundscape", was dazu verhalf, dass sich unter vielen eine Feinfühligkeit für allerlei Klänge ausbreiten konnte.

    Damit verbunden war auch eine Debatte, die mit Musikalität und Nichtmusikalität zu tun hatte. Sie führte bis hin zur Frage, inwieweit sich Künstler Feldaufnahmen bedienen dürfen, um "die Welt aufzunehmen". ("Field recordings" wurden bis dahin vornehmlich für wissenschaftliche Zwecke verwendet.) Diese Debatte hatte sicherlich mehr mit dem Status der Künstler - was er sein oder tun sollte - zu tun. Nichts desto trotz war schon damals offensichtlich, dass die Entscheidung ist, wie man - ähnlich wie bei einer Kamera - das Mikrofon "zur Welt" hin ausrichte, eine künstlerische ist.

    Dokumentationen

    Chris Watsons Arbeit ist ein gutes Beispiel dafür. Ursprünglich Musiker – er ist einer der Gründungsmitglieder von Cabaret Voltaire – war er später für die Tonaufnahmen von BBC-Naturdokumentationen verantwortlich. Während seiner Reisen für die BBC rund um die Welt hat er Materialien für seine drei Solo-Alben auf Touch gesammelt – meistens Tiergeräusche.

    Auch wenn Geräusche schon fast ein Accessoire für TV-Dokumentationen sind, erreichen sie eine andere Dimension, wenn sie als das maßgebliche Subjekt wahrgenommen werden und keine visuelle Unterstützung mehr haben. Zudem schafft Watson durch seine besondere Aufnahmetechnik Klänge, die man zuvor noch nie gehört hat: die Nähe, die man zu den Ursprüngen der Geräusche bekommt, ist undenkbar – und durch den Bruch in der Wahrnehmung erreicht der Schrei eines Nilpferds oder das Zischeln von Vogelfedern eine verstörende Präsenz – aber auch ganz offensichtlich eine musikalische Dimension. "Es gibt keine Ankerpunkte in der Finsternis", dieser Satz im Inneren der CD-Hülle von Storm, der Nachtaufnahmen beschreibt, fasst dies am besten zusammen.

    Interventionen

    BJ Nilsens (aka Hazard) Arbeit ist dahingehend eher klassisch, er verwendet Feldaufnahmen als Rohmaterial. Auf seiner Suche nach "musikalischen" Mustern und Rhythmen in den Geräuschen des Alltags verfährt er sehr sensibel, seine Interventionen sind daher umso offensichtlicher (und gehen manchmal soweit, dass elektronische Beats hinzugefügt werden). Allein aus diesem Grund wird Nilsen meist dem elektronischen ambient Umfeld zugeschrieben.

    Der Englische und der Schwedische Künstler arbeiten nicht zum ersten Mal zusammen ( Wind and Land , zwei Alben von Nilsens Hazard), Storm ist jedoch das erste Album, das als gemeinsames Projekt präsentiert wird. Und logischerweise kombiniert das Resultat dieser Kooperation die Charakteristika der beiden unterschiedlichen Herangehensweisen: Wegen der normalerweise eher kurzen Stücke von Watson ist die stürmische Erzählung und das dabei entstehende Gefühl der sich ändernden Plätze vielmehr charakteristisch für Nilsens Arbeiten. Betrachtet man jedoch Watsons Zugang zu seinen "Reportagen" (keine Artefakte), so tragen die drei langen Tracks, die aus kombinierten, mehrfach überlagerten, Aufnahmen bestehen, seine Handschrift.

    Keine stürmische Symphonie

    Mit Storm wird man manchmal mitten in das Herz eines Sturms transportiert, manchmal hinaus; hier nimmt man einen Unterschlupf wahr, dort ist man wiederum eigenartigen Tiergeräuschen nah. Die tobenden Elemente oder das subtile Plätschern des Hin- und Hers des Wassers klingen abwechselnd vertraut und beunruhigend. Durch die Spannung, durch das Warten auf einen ruhigen Moment, nimmt man selbst die kleinsten Geräuschpartikel wahr, auch wenn sie aus dem Kontext gerissen sind. Watson und Nilsen wollten ganz klar keine stürmische Symphonie schaffen, kein x-maliges Klischee von den Naturgewalten. Die beiden Künstler fungieren nur als Leiter (im elektrischen Sinne) zwischen uns und dem, was wir so oft vergessen, wahrzunehmen.

    Und ganz sicher ist es auch viel mehr als nur eine naturalistische Annäherung. (cra+)

    Links
    chriswatson.net
    bjnilsen.com
    touchmusic.org.uk (Label)
    wirikuta.at (Distribution mit Schwerpunkt "electronic psychedelic trance")

    • Chris Watson & BJ Nilsen: Storm (Touch, 2006)
      foto: touch

      Chris Watson & BJ Nilsen: Storm (Touch, 2006)

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