Beichte im Krankenhausbett

9. März 2007, 17:56
posten

In Ingrid Nolls "Die Apothekerin" geht es um kriminelle Ausraster, Verrat, pornografischen Sex, Irrsinn und eine durchgeknallte Brandstifterin

Wenn es für weibliche Albträume ein Sammelbecken gibt - dann in diesem Buch. Eigentlich wissen wir's ja, liebe Leserinnen, das hat sich bis in unser Albtraum-Repertoire 2006 durchgemendelt: Unsere nächtlichen schweißtreibenden Horrorfilme im Kopf stammen meist aus ein und demselben Quell der Angst: Männer und ihre triebgesteuerten Gelüste. Ingrid Noll lässt ihren Horrormix aus Mann und Macht wunderbar harmlos beginnen. Eine Apothekerin liegt im Krankenhaus - klein, blond, drahtig. Und weil ihre Bettnachbarin asexuell und vertrocknet ist, beginnt die Pillenfrau des nächtens aus ihrem bewegten Leben zu erzählen. Denn: Triebgehemmte Neutren sind dankbare Adressaten für die selbsterkennende Innenschau. Dabei zeigt sich wieder einmal, wie lieb und gut wir Frauen doch veranlagt sind. Besagte Apothekerin hat nämlich nur Ehrenwertes im Sinn: Mann, Kind, glückliche Familie. Noch dazu offenbart sie in den vielen Nächten ihrer Lebensbeichte eine besondere Sensibilität, ja, sie ist Meisterin auf dem Gebiet der - pardon - Hausfrauenpsychologie. Sogar die eigene Psychostruktur seziert sie so schlicht wie lupenrein: Von den Eltern nie geliebt, nur für deren eigenen Ehrgeiz gebraucht. "Mir ist das Glück anderer Frauen nicht geschenkt." Oh doch. Allerdings auf zwielichtige Weise und erst am Ende der Geschichte.

Doch vorher fiebern wir mit im Krankenhausbett. Denn eine Frau, die sich als süchtig beschreibt - süchtig nach dem Gefühl, gebraucht zu werden -, schaltet bei der Wahl ihrer Männer jedes Gespür für "den Richtigen" aus. Doch hat sie sich natürlich vom ekligsten Exemplar aus der Abteilung "egoistischer Nichtsnutz" angeln lassen. Sie wäscht für ihn, kocht, räumt auf. Sie finanziert ihn, verschuldet sich, damit er mit Porsche protzen kann. Er: Ewiger Student, Filou - und Erbe. Welches aber noch nicht verfügbar ist, weil der liebe Erblasser Großpapa noch lebt. Wie unsere Apothekerin dann selbst zu den Millionen kommt, das sei nicht verraten. Nur folgendes: Mit der Erbschaft folgt des Albtraums zweiter Teil. Das ist es, was diesen Psychothriller so fesselnd macht: Nichts in dieser Story über Verliebtheit, Erbschaftsaussichten und Zwangsheirat, über kriminelle Ausraster, Verrat, pornografischen Sex, Irrsinn und eine durchgeknallte Brandstifterin ist das, was es scheint. Ingrid Noll gelingt es meisterhaft, die nahe liegenden Erklärungen für das Verhalten rätselhafter Zeitgenossen als "leider falsch!" zu entlarven. Außer unserer bettlägerigen Protagonistin reißt sie niemandem die Maske vom Gesicht.

Und am Ende kriegt diese sogar, was sie will: Kinder, Mann, Familienleben. Leider sind auf dem Weg dorthin zwei Männer eines gewaltsamen Todes gestorben, ein weiterer hat keine Schneidezähne mehr. Und, da können wir Frauen von Anstand und Moral uns ein verstecktes Feixen nicht verkneifen: Die lausige Bordsteinschwalbe, die Männer zu Sex-Junkies machte - sie wird das Schicksal besonders gemein ereilen. Da ist doch alles gut geworden - oder etwa nicht? (Nina Ruge / RONDO/DER STANDARD, Printausgabe, 09.03.2007)

  • Artikelbild
    foto: süddeutsche krimi-bibliothek
Share if you care.