Circus-Boy im Kunstpelz

9. März 2007, 17:00
posten

Jaime Hayons Objekte entspringen einer Überdosis Fantasie - Kaum ein anderer Gestalter reizt die Schnittstelle zwischen Kunst und Design so erfolgreich aus wie der junge Spanier

Nehmen wir die sanfte Krümmung einer Chorizo als Bogenmaß und legen wir sie der Puppe quer ins Gesicht. Und zwar als Umriss eines Lächelns, mit den Winkeln, respektive Wurstzipfeln, leicht nach oben gerichtet. Denn so viel Tarnung muss sein, zumal spätestens mit den Zähnen, die Jaime Hayon über das scheinbar freundlich gekrümmte Wurstmaul des grauen Püppchens legt, alles auch schon wieder auffliegt.

Eine Zahnreihe, die aus den abgründigen Tiefen einer Horrorvisage auf die Schädeloberfläche getrieben sein mag, blitzt da nämlich auf. Zackig und spitz, so wie sie Itchy & Scratchy, dem aus Mieze und Maus bestehenden Schlächter-Duo der Simpsons, zu Gesicht stehen würde. Dass die mittlerweile hochpreisigen Sammlerstücke, mit denen der spanische Künstler/Designer Hayon über das Prinzip "Puppe" nachdenkt, definitiv subversiv ausfallen, das verraten auch andere Details.

Ein Hauch von japanischer No-Maske legt sich über die zu schattigen Kunststoffritzen verkommene Augenpartie. Frostige Tiefkühl-Sternchen prangen an der rechten Brust, und rechts darunter findet sich eine Art Pupen-Credo. "Fuck the Human Race", lautet es. Das beigestellte Copyright-© verstärkt es zur programmatisch wirkenden Ansage.

Geistiger Pate: Javier Mariscal

Puppen, denen man den blutigen Aufstand zutraut, sind eine mögliche Seite des Jaime Hayon. Sagen wir: Sie verweisen auf Hayons abgründigste Facette, die freilich auch in all jenen Zeichnungen aufblitzt, mit denen die Artdirectoren internationaler Design-Magazine momentan gehäuft auftauchende Hayon-Storys illustrieren. Denn neben Möbeln und Objekten, von denen noch die Rede sein wird, sind die Zeichnungen des Spaniers ein geeignetes Mittel, um jene assoziativen Schleusen zu öffnen, die, zumal bei spanischen Designern, zunächst direkt in die Gefilde der Kunst führen.

Das war bei Javier Mariscal schon so, dem klein gewachsenem Katalanen, der in den 1980ern als trashiger Comix-Zeichner Richtung Designstar durchstartete und der jetzt als geistiger Pate des Jaime Hayon noch einmal aus dem Hut gezogen wird. Klar, dass mit Mariscal dann natürlich auch der reflexartige Verweis auf die Movida auftaucht - jene legendäre Phase, in der das Post-Franco-Spanien einen kreativen Rappel und die Liebe zur Party entwickelte, aber auch viel Sympathie für jene Graffiti-Schnörkel, die plötzlich unberechenbar über Möbeldesign und Skizzenbücher wucherten, ein wenig auf Miró und ähnliche Träger der kollektiven Kreativ-CI schielend.

Das Zeichenheft des jüngsten spanischen Design-Shooting-Stars scheint sich bestens in dieses assoziative Erbe einzufügen. Denn bissig wie die Puppe sind da auch die Augenwinkel der Roboterwesen hingestrichelt. Jedi-Ritter, Inkagötter, Schaltkreise, alles da, und mitunter mit Ofenrohren versehen. Und mit Ringen unter den Augen, die genauso gut als Zahnräder durchgehen könnten.

Ein City-Boy

Doch mit der Movida muss man Hayon nicht kommen. Nicht nur, weil er ja eigentlich aus Madrid stammt. Sondern auch weil die Geschichte längst weitergezogen ist und all die alten Movida-Brocken bestenfalls in den Lofts der barcelonischen Docklands abrasten. Dass der Designer seit kurzem sein Büro in die katalanische Metropole verlegt hat, kann daran nichts ändern. Barcelona? Für Hayon eine Gratwanderung an der Kippe Richtung Regionalität. "Ich bin ein City-Boy", sagt er und verweist auf die vergangenen Woche. Eine "James-Bond-Woche", wie so oft die vergangenen Monate: bis Dienstag Art Directing für Lladro-Keramik in Valencia. Dann die Ausstellungs-Feinabstimmung für das Londoner Design Museum, plus Stopover in Paris, wo Hayon dem Champagner-Hersteller Piper-Heidsieck soeben zu einem ansprechenden Package Design-Konzept verhalf. Eine für Spaniens momentan meistgefragten Entwerfer nicht eben unübliche Arbeitswoche - wobei vor allem das stets überraschende Element seiner Arbeiten für den aktuellen Hayon-Hype sorgt. Bereits der eingangs erwähnte No-Masken-Robotnik mit den spitzen Menschenfresserzähnen lauert ja keineswegs allein auf weiter Flur.

Untersetzte Maori-Mäuse mit Ganzkörper-Tatoo ergänzen das "Toys"-Panoptikum und markieren im Verein mit Möbeln, die aussehen, als ob sie jederzeit weggaloppieren könnten, das eine Hayon'sche Standbein, ohne das sein spezifischer Balanceakt in der Designwelt wohl nicht denkbar wäre. Gratwanderer zwischen Design und Kunst - so bezeichnet man den Shooting-Star, der sich auch medientauglich zu inszenieren weiß: Als rosarotes Plüschtier und Clown, frisch shampooniert mit Schaumbällchen spielend, oder im Schafspelz, den allerdings ein Papiermachee-Wolfskopf ergänzt, lacht er von den Coverseiten. Theatralische Posen allesamt, die vor allem auch seinen Arbeitszugang charakterisieren.

Ungeniert grüne Socken tragen

Circus Boy wurde Hayon genannt. Wegen seiner Vorliebe fürs Skurrile und Überraschende, die er ja bereits bei seiner ersten Ausstellung für die Londoner David Gill Gallery bewies. Kakteen speiende Männer, fliegende Überschall-Schweine irritierten da die Designszene. Ein kreativer Kraftakt, mit dem der heute 33-Jährige vor allem eines postulierte: nämlich die Weigerung, sich auf keinen Fall einengen zu lassen, schon gar nicht von bereits vorab formulierten Vorstellungen etwaiger Auftraggeber, die Jaime Hayon schon jung kennen lernte - als hoffnungsvolles Greenhorn und Abgänger der Designschule Madrid im Jet des Benetton-Clans. Im experimentell orientierten Lab "Fabbrica", einer Art kreativem Thinktank des italienischen Labels, war Hayon nach dem üblichen Schnupperjahr nämlich hängen geblieben, verbrachte ab 1997 sechs Jahre als Design-Direktor, rieb sich dort am Co-Leiter, dem legendären Werbe-Fotografen Oliviero Toscani, sah talentierte Stipendiaten mit sehr unterschiedlichen Freestyle-Handschriften und -Ideen kommen und gehen, sog auf wie ein Schwamm und wusste nach spätestens diesen sechs Jahren, was er selbst will: ungeniert grüne Socken tragen etwa, auch wenn es der Milano Style Gang dabei die Zehennägel aufrollt. Ferner Möbel schaffen, die aussehen wie keramische Kakteen. Oder aber Sideboards, deren Stellflächen auf einem wahren Dickicht an Beinen ruhen, wobei kein Bein dem anderen gleicht. Und nicht zu vergessen: Vasen, die wie Vögel aussehen und denen statt Flügeln eingesteckte Blumen wachsen, oder auch nur Pinocchio-Nasen. Mitunter wurzelt der freie Entwurf aber auch bloß in der Idealvorstellung, die sich Hayon etwa vom perfekten Bad macht: komplett mit Zigarren und Früchten in einem weiten, weißem Raum - so herrlich dekadent schwebte es ihm vor. Die daraus resultierende Kollektion AQHayon, seine erste eigenständige Kollektion aus dem Jahre 2005, schrieb prompt Bäderdesign-Geschichte: Mit Wannen, die wie Betten aussehen und kein bisschen antiseptisch ausfallen. Und mit einem unerwarteten Material-Mix aus Porzellan, Silber und Platin.

Dank der Überdosis an Fantasie, mit der Hayon seine Produkte kreiert, seiner Vorliebe für Handarbeit und nicht zuletzt der Reinkarnation des Künstler-Designers als Createur (Eigendefinition Hayon) schuf er sich nicht nur seinen eigenen Raum, sondern sah sich bald schon dem Sog einer geradezu explodierenden Nachfrage gegenüber. Nach drei Jahren mit eigenem Design-Studio stehen heute Firmen wie Coca Cola, Adidas, Danone, Metalarte vor der Designbüro-Tür und klopfen dezent um Kreativ-Auffrischungen an. Der Madrilene genießt dabei in der Regel freie Hand - schließlich wollen seine Klienten, wohl auch im Kampf gegen die Langeweile, die immer ähnlicher werdende Städte, Produktwelten und Lebensräume mit sich bringen, vor allem eines: einen "typischen Hayon". (Robert Haidinger/Der Standard/Rondo/09/03/2007)

  • Wenn die Vase der Blume die Schau stiehlt: "BD Showtime collection"
    foto: hersteller

    Wenn die Vase der Blume die Schau stiehlt: "BD Showtime collection"

  • Alte Musicals inspirieren den Designer - unter anderem zu diesem Sitzhäuschen
    foto: hersteller

    Alte Musicals inspirieren den Designer - unter anderem zu diesem Sitzhäuschen

  • Extra standfest: "Multileg Cabinet"
    foto: hersteller

    Extra standfest: "Multileg Cabinet"

  • Ross-Vasen als Wandschmuck aus der Kollektion "Mon Cirque"
    foto: hersteller

    Ross-Vasen als Wandschmuck aus der Kollektion "Mon Cirque"

  • Puppe mit Albtraumgarantie namens "Onion Love Invader"
    foto: hersteller

    Puppe mit Albtraumgarantie namens "Onion Love Invader"

  • Der Designer Jaime Hayons bei der Arbeit
    foto: hersteller

    Der Designer Jaime Hayons bei der Arbeit

Share if you care.