Der Rabenmutterkomplex

4. März 2007, 19:34
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Michael Kumpfmüllers Roman "Durst" in der Theaterfassung des Wiener Theaters in der Gumpendorfer Straße

Wien - Mit erschütternder Regelmäßigkeit heizen Fälle von Vernachlässigung der mütterlichen Obsorgepflicht Moraldebatten an, deren kleinster gemeinsamer Nenner die "kreatürliche" Solidarität mit unseren Schwächsten, den Kleinkindern, ist.

Michael Kumpfmüllers Roman "Durst", ein beeindruckend lakonisches Zeugnis mütterlicher Überforderung, entwindet die Debatte kurzerhand den von Empörungs wegen Zuständigen, den Sonntagsmoralisten. Er baut eine von keinerlei Einsicht erhellte Lebenswelt von gesellschaftlich Abgehängten nach. Er rekonstruiert den authentischen Fall einer "Kindsmörderin" aus Frankfurt/Oder als Menetekel einer schleichenden Entleerung: Wer, wie die vierfache "Conny" in der Theaterfassung des Theaters in der Gumpendorfer Straße (TAG), sein Selbst nur als Ensemble aus unklaren Regungen und verhuschten Verhaltensmaßregeln begreift, wird der eigenen Nachkommenschaft gegenüber kein Verantwortungsgefühl entwickeln können. Mündigkeit? Braucht Subjekte.

Warum Regisseurin Margit Mezgolichs wackere Bühneneinrichtung denn doch mehr ermüdet denn zu schmerzlichen Einsichten verhilft, liegt an der laschen Umsetzung eines beeindruckenden Konzepts: Auf einer mit Fensterlöchern perforierten Bühnenschräge (Ausstattung: Andrea Költringer) erzählen vier Plattenbau-Medeen beflissen nach, wie "Conny" ("die junge Frau") unter dem Eindruck einer gnadenlosen Frühsommerhitze die Kinder einsperrt, den Zimmerschlüssel das Klosett hinunterspült und sich anschließend auf die Suche nach jenem Quäntchen Glück begibt, das die Konsumgesellschaft ihren schwächsten Mitgliedern unablässig verheißt.

Vier Damen lösen in Tonfällen und Körperhaltungen die Schichten einer versinkenden Psyche gleichsam wie Tapetenbahnen voneinander ab. Nur verbindliche Haltungen gegenüber Gesellschaftsrollen - sucht man leider vergeblich. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.3.2007)

  • Elisabeth Veit, Petra Strasser und Katharina Hohenberger in "Durst"
    foto: tag theater an der gumpendorfer strasse / copyright anna stöcher

    Elisabeth Veit, Petra Strasser und Katharina Hohenberger in "Durst"

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