An der Grenze des Web 2.0: Tausende Webautoren schreiben Wiki-Roman

22. Februar 2008, 15:48
11 Postings

Gemeinsam ein Buch zu schreiben sprengt offenbar die Möglichkeiten der Online-Zusammenarbeit - Projekt endet am Mittwoch

Die Online-Enzyklopädie "Wikipedia" hat es vorgemacht: Im "Web 2.0" schaffen die Benutzer selbst Inhalte, die professionelles Niveau erreichen können. Nun soll nach dem gleichen Prinzip ein Roman entstehen: Eine Vielzahl von Autoren versuchen auf http://www.amillionpenguins.com, gemeinsam und ohne Hierarchie einen literarischen Text zu verfassen. Auf der Website kann jeder am Roman mitschreiben, Charaktere schaffen oder sterben lassen und die Handlung weiterentwickeln. Ein paar Tage vor dem geplanten Schluss des Experiments am kommenden Mittwoch (7. März) zeichnet sich zwar noch kein kohärentes Buch ab, das Sinn oder Story hat. Jedoch zeigt es die Grenzen des "Web 2.0".

Interesse

Die Idee stieß unter webkundigen Möchtegern-Autoren auf großes Interesse, und es steht wahrlich kein kleiner Player dahinter: Der Londoner Penguin Verlag ist für seine günstigen Klassiker-Ausgaben und für erfolgreiche Bücher aus allen Literatur-Genres bekannt. Nun wollte er unter dem Motto "A Million Penguins" abseits des Literaturbetriebes neue Texte finden (wenn auch, wie betont wurde, nicht zur Veröffentlichung). Bereits wenige Tage nach dem Start waren tausende User angemeldet, und die Website musste auf einen größeren Server umziehen. "Wir hatten zehn Zugriffe in der Sekunde - mehr als die durchschnittliche Porno-Website", heißt es auf dem begleitenden "Penguin"-Blog.

Gestartet wurde der englischsprachige Text, der sich dann zu einem Buch weiterentwickeln soll, Ende Jänner mit einem einzigen Satz. "Es gab keine Möglichkeit, heute einen Spaziergang zu machen." Was sich daraus seither entsponnen hat, ist skurril, und auf eine eigenartige Form kreativ. Und hat alles beinhaltet, was das "Web 2.0" ausmacht: Spannende Inhalte, scharfe Diskussionen, Anarchie, den Ruf nach Ordnung - und Vandalismus. "Wir hatten bereits Kreativität, Obszönität, Poesie und Vandalismus - und immer noch Wochen bis zum Ende", heißt es auf dem Blog.

Bananen

So gab es eine Bananen-Attacke, deren Spuren immer noch im Buch zu finden sind: Ein Mitautor mit starker Vorliebe für die gelbe gekrümmte Frucht hat das Wort "Banane" oder inhaltliche Bezugnahmen darauf an allen möglichen Stellen in den Text eingefügt. Auch Verweise auf den "Big Bablooey Benjy", was auch immer das ist, und Textteile auf Chinesisch mussten gelöscht werden. Um etwas Hitze aus der frenetischen Texterstellung zu nehmen, wurde ein "Lesefenster" eingeführt, eine tägliche Zeitspanne, während der nichts verändert werden konnte.

Variabel

Doch auch viel ernst gemeinter Text ist entstanden - von höchst unterschiedlicher Qualität. Elemente eines erotisch angehauchten Krimis rund um einen Killer, der beim Tanzen mordet, sind ebenso zu finden wie holprig geschriebene Diskussionen zweier Charaktere um Sprachtheorie und die Kunst, als Webgemeinschaft ein Buch zu schreiben. Kapitelüberschriften heißen etwa "Schrödingers Katze", "Genesis" oder "Die Story erbricht eine letzte Banane und geht weiter".

Als die Textmassen allzu unübersichtlich wurden, wurde das Konvolut in mehrere alternative Romane - darunter auch "The Banana Novel" - aufgeteilt, an denen unabhängig voneinander weitergearbeitet werden kann. Es scheinen "eher drei, vier oder fünf Storys zu sein, und bisher zeigt sich keine übergeordnete Erzählung", schreiben die "Penguin"-Verantwortlichen. Linearität scheint im Kollektiv - wegen der vielen Möglichkeiten, die sich an jeder Gabelung des Plots eröffnen - am Schwersten zu erreichen zu sein.

Hinterfragen

Das Projekt will das romantische Bild vom Künstlergenie in Frage stellen. Nicht nur im Wirtschafts-, auch im Kunstbereich gibt es eine lange Tradition der Zusammenarbeit. Etwa in den Werkstätten der Alten Meister, die sich ihre Skizzen von Schülern ausführen ließen, oder im Filmbereich, wo das Drehbuch eines Autors vom Regisseur in Filmszenen verwandelt wird, die wiederum durch Schnitt und Ton neu interpretiert werden. Nur die im stillen Kämmerlein arbeitenden Autoren scheinen sich dieser Form der künstlerischen Arbeit weitestgehend zu widersetzen.

Doch auch die Idee, dass unzählige Webuser einen Text durch gemeinsames Bearbeiten perfektionieren, ist nicht neu. Das Wiki-Prinzip haben u. a. schon die Los Angeles Times und das renommierte Tech-Magazin "Wired" genutzt, um sich von den Lesern Artikel durch nachträgliche Bearbeitung und Online-Mitarbeit verbessern zu lassen. Während dies bei "Wired", das eine technik-affine Leserschaft anspricht, gut klappte, hat die L. A. Times mit ihrem "Wikitorial" ähnliche Erfahrungen gemacht wie die "Pinguine" bei ihrem Wiki-Roman.

Geschichte

Der am 17. Juni 2005 zur offenen Bearbeitung freigegebene Leitartikel musste bereits zwei Tage später wieder vom Netz genommen werden, nachdem vulgäre und pornografische Bilder eingefügt worden waren. Dieses als neue Form des Bürgerjournalismus angekündigte Projekt scheiterte.

Einen literarischen Text zu verfassen funktioniert noch dazu nach anderen Gesetzen als der Zeitungsjournalismus - insbesondere darin, dass es nicht um Fakten, sondern um ästhetischen Wert geht. Und davon, den zu erreichen, ist das "Wikinovel" noch weit entfernt. Das wissen auch die Macher: Zwei Wochen vor Ende des Projektes riefen die "Penguin"-Betreiber die Web-Autorengemeinschaft dazu auf, den Text in Reinform zu bringen. "Lasst uns einen Weg finden, wie wir die Zweifler und Neinsager widerlegen", wurde den Autoren mitgegeben.

Frustrationen

Doch unter den Autoren des Wikinovels hat sich - trotz nach wie vor vielen Änderungen, die jede Stunde an dem Text vorgenommen werden - deutlicher Frust bemerkbar gemacht. "Kümmert das noch jemand?" ist der oberste Eintrag im Diskussionbereich übertitelt. Ein anderer ehemaliger Mitschreiber ist vom "völligen Versagen" des Projekts überzeugt. Und der Ansatz des Projekts wird derart radikal in Frage gestellt, dass ein Mitautor anmerkte: "Der einzige Weg, das zu einem ernsthaften und kontrollierten Werk zu machen, ist alle Autoren zu eliminieren - bis auf einen."

Das Projekt läuft noch wenige Tage - es kann sich also noch etwas ändern. Im fingierten Nachwort zur fiktiven 23. Auflage des "Wikinovel"-Textes wird das noch nicht vorliegende Ergebnis des Experiments mit viel Augenzwinkern als einflussreichster Text der Geschichte gewürdigt. Und sogar eine Religion sei daraus entstanden, deren Anhänger sich "Penguinites" nennen. Derzeit wäre das Fazit jedoch eindeutig: Einen Roman zu schreiben, sprengt die Grenzen des viel beschworenen "Web 2.0". (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.