Wesentliches, diskret gesucht

1. März 2007, 14:55
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Bernard Haitink dirigiert in Salzburg Beethoven

Dirigenten werden grundsätzlich gerne schubladisiert. Da gibt es die großen Maestros, die wie Staatsmänner oder Generäle auftreten. Dann auch die Mystiker, die alleine uns die Geheimnisse der Musik öffnen können. Oder auch die Showstars - bei denen Gestik und Mimik für sich schon als Kunst gelten wollen.

Aber dann wären da noch die so genannten "Arbeiter". Sie sind - sehr oberflächlich betrachtet - die unscheinbarste Gruppe, orientieren sie sich doch weniger an der äußeren Wirkung, die sie persönlich auf das Publikum oder die Medien ausüben als an den Bedürfnissen der Musik, die sie gestalten und formen wollen, ohne sich vor das Werk zu stellen. Bernard Haitink, der unlängst von Musical America zum "Musician of the Year 2007" gewählt wurde, ist in jedem Fall ein Mann, dem es um das Wesentliche geht. Der 1929 in Amsterdam geborene Dirigent ohne Allüren gilt als Garant für eine ebenso dezente wie effektive Orchesterarbeit.

Nachdem er bereits als Neunjähriger vom Klang des Amsterdamer Concertgebouw-Orchesters begeistert war, studierte Haitink am Amsterdamer Konservatorium Violine und begann denn auch 1955 zunächst als Tutti-Geiger im Philharmonischen Orchester des niederländischen Rundfunks.

Alle Stimmen

Auf die Frage, warum er Dirigent geworden sei, meint Haitink, es sei der Wunsch gewesen, über der Musik zu stehen, indem man nicht nur eine, sondern alle Stimmen einer Komposition kenne. Als junger Mann habe er Dirigentenkollegen Wilhelm Furtwängler bewundert, den er 1948 in Salzburg gehört hatte, so Haitink, später auch Exzentriker Carlos Kleiber, an dem er vor allem Genauigkeit und Detailarbeit schätzte.

1956 erhielt Bernard Haitink den Ruf zum Concertgebouw-Orchesters, 1961 wurde er dortiger musikalischer Direktor, so begann eine Partnerschaft, die 27 Jahre lang halten sollte und für die er 1999 zum Ehrenpräsidenten ernannt wurde.

Daneben arbeitete Haitink als Chefdirigent des London Philharmonic Orchestra, leitete das Opernfestival in Glyndebourne und fungierte bis 2002 als Musikdirektor des Royal Opera House Covent Garden. Nachdem Haitink vor drei Jahren seine Tätigkeit als Erster Gastdirigent beim Boston Symphony Orchestra und als Musikdirektor der Sächsischen Staatskapelle Dresden beendet hatte, wurde er im April 2006 Principal Conductor des Chicago Symphony Orchestra.

Sich wundern

Haitinks Schaffen ist unmittelbar mit den Namen Bruckner, Mahler und Schostakowitsch verknüpft. Mit dem Concertgebouw-Orchester nahm er 1960 die in den 30er-Jahren erloschene Mahler-Tradition wieder auf, für die Werke Schostakowitschs leistete er Pionierarbeit. Haitink, für den das Erarbeiten eines Werkes ein intensiver Kampf mit sich selbst darstellt, meint, dass man ein Werk nie wirklich ganz verstehen könne. Je älter man werde, umso mehr wundere man sich über die Talente der Komponisten.

Bernard Haitink, der gemeinsam mit der Pianistin Marjolein Schneider fünf Kinder hat, lebt seit 2002 in Luzern in der Schweiz. Bei den Salzburger Osterfestspielen, bei denen er seit 1991 fünfmal zu Gast war, wird er gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern und dem Rundfunkchor Berlin Ludwig van Beethovens Missa solemnis aufführen. (Robert Spoula / SPEZIAL/ DER STANDARD, Printausgabe, 01.03.2007)

3. und 8. April, Großes Festspielhaus, jeweils 18.30
  • Diskreter Zugang: Dirigent Bernard Haitink sucht einen uneitlen Weg zum Wesen des jeweiligen Werkes.
    foto: standard/cremer

    Diskreter Zugang: Dirigent Bernard Haitink sucht einen uneitlen Weg zum Wesen des jeweiligen Werkes.

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