Wohlfühlmaschinen

15. Juni 2007, 12:27
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Der französische Designer Mathieu Lehanneur entdeckt Pharmazie und Wellness als Spielplatz für seine therapeutischen Objekte

"Since 1974" steht auf der Internetseite des Mathieu Lehanneur zu lesen, ganz im Stile alt eingesessener Firmen, die stolz auf ihre lange Tradition sind. Bei Lehanneur ist es das Geburtsjahr, mit dem der französische Designer den Einstieg in sein eigenes, zukunftsweisendes Universum der Formenexperimente beschreibt. Diese startete er während des Studiums an der renommierten Pariser Designhochschule "ENSCI – Les Ateliers". Um nebenher ein wenig Geld zu verdienen, stellte sich Lehanneur der Pharmaindustrie als Proband für neue Arzneimittel zur Verfügung. Dabei, stellte er fest, drehte sich alles um die richtigen Rezepturen und Wirkstoffe, Kommunikation und Psychologie seien für die Pharmafirmen aber kein Thema – Initialzündung für seine Diplomarbeit.

"Therapeutische Objekte" nennt er seine Entwürfe. Sie sollen es Patienten ermöglichen, mit ihrer Erkrankung und den nötigen Verschreibungen besser umzugehen. Und das geht zum Beispiel so: Drückt ein Allergiker auf die Ecke eines Taschentuches, kann er ein Medikament direkt in die Nase befördern. Oder so: Für Schmerzpatienten hat Lehanneur einen großen Marker erdacht, mit dem schmerzende Stellen am Körper farbig markiert werden. Während sich die Farbe bald wieder verflüchtigt, dringt ein Wirkstoff direkt in die Haut ein. Insgesamt elf Objekte entwickelte der Designer, der sich Rat bei Pharmazeuten und Psychologen holte. Lehanneur gelang, was bislang keinem Diplomanden vergönnt war: Seine "therapeutischen Objekte" wurden vom New Yorker Museum of Modern Art in dessen permanente Sammlung aufgenommen. Aber wie steht es mit den Marktchancen für solch innovative Pharmazieprodukte?

Elements

Seine Ratgeber verstanden zunächst nicht, warum Design für diesen Industriezweig Vorteile bieten soll. Sie sahen lediglich Zusatzkosten für die Hersteller. Doch durch zunehmende Konkurrenz und die Verbreitung von Arzneimitteln mit identischen Wirkstoffen, ist sich Lehanneur sicher, entsteht hier ein bedeutender Markt, auch für Designer. Im vergangen Jahr erhielt Lehanneur vom französischen Designförder-Verband "VIA" die "Carte Blanche", eine jährlich vergebene Auszeichnung, mit der herausragende Nachwuchsdesigner gezielt unterstützt werden. Für Lehanneur war es die Chance, eine weitere Serie von prototypischen Objekten zu entwickeln, die er "Elements" nannte, neuartige Haushaltsgeräte, die mit Sensoren Umweltdaten messen und unmittelbar darauf reagieren. Sie tragen rätselhafte Bezeichnungen wie "O", "dB", "C°", "K" und "Q".

Besonders spektakulär ist "O", ein großes Glasgefäß, das aussieht, als wäre es aus einem Labor gefladert worden. In ihm schwimmt eine grüne Suppe aus Mikroorganismen, Blaualgen des Stammes Spirulina platensis. Ein Sensor misst den Sauerstoffgehalt der Raumluft. Ist dieser zu niedrig, springen Leuchtdioden an, um die Mikroorganismen zu erwärmen und sie zur Sauerstoffproduktion anzuregen. Denn Blaualgen verwandeln Kohlendioxid in Sauerstoff und helfen so, den gerade in großstädtischen Wohnungen oft viel zu niedrigen Sauerstoffgehalt zu regulieren.

Science-Design-Body

Mit "dB", einem kugelartigen Objekt mit einer großen, zerklüfteten Oberfläche, will Lehanneur gegen Lärm angehen. Das Gerät rollt wie ein automatischer Staubsauger durch die Wohnung und misst den Lärmpegel. Ist dieser zu hoch, gibt "dB" eine Art weißes Rauschen ab, um unerwünschte Geräusche zu neutralisieren. "K" dagegen dient der gezielten Lichttherapie, und "C°" ist ein kompaktes Lagerfeuer für Innenräume, das mit einem Infrarotheizstrahler ausgestattet ist. Statt die Luft zu beheizen, werden so Personen und Mauern in der unmittelbaren Umgebung erwärmt. Eine eingebaute Thermokamera reguliert die Temperatur. Auch wenn viele Entwürfe Lehanneurs reine Studien sind, beruhen sie doch auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen. "Science – Design – Body" nennt der Franzose seinen Ansatz. Analytisch erkundet er Zusammenhänge, beschäftigt sich eingehend mit Technik und Wissenschaft, bevor er seine visionären Modelle ausarbeitet.

So kooperiert er auch mit dem Architekten François Roche von der experimentellen Architektengruppe "R&Sie(n)". Aus dem Jahr 2003 stammt der gemeinsame Entwurf eines Hauses für einen privaten Kunstsammler in Trinidad, das komplett aus Kunststoffgewebe bestehen und zugleich als Moskito-Falle dienen sollte. Die höhlenhafte Struktur dieses "hypnotischen Kabinetts" erinnert an eine düstere Version der bunten, begehbaren Wohnlandschaften von Verner Panton. Statt freundlicher Farben und weicher Formen dominieren hier verschiedene Grautöne. Auch "R&Sie(n)" beruft sich auf wissenschaftliche und medizinische Inspirationsquellen.

Allein in der Gruppe

Lehanneur schuf das Interieur Design. Man kann den klaustrophobischen Raum allein oder in kleinen Gruppen betreten und dort ein Video ansehen. "Ich wollte einen Ort gestalten, an dem die Leute nah beieinander sind wie in einer Familie und doch jeder für sich allein sein kann. Gewissermaßen allein in der Gruppe." Auch Lehanneurs eigene Erfahrungen, er wurde als jüngstes von sieben Kindern in Rochefort geboren, pendeln zwischen Individualität und Gruppenerlebnis. "Ich habe früh gelernt, allein in der Gruppe zu sein." Auch als Ausstellungsdesigner betätigt sich Lehanneur. So hat er für den amerikanischen Medienkünstler und Kommunikationsdesigner John Maeda dessen Ausstellung in der "Fondation Cartier" eingerichtet. Nicht nur eine minimalistische Aneinanderreihung von Videowänden entstand dabei, auch bewegliche Sitzbänke, die autonom im Ausstellungsraum umherschwirrten, gehörten zu Lehanneurs Designkonzept. Maeda allerdings, der anfänglich begeistert war, sah die sausenden Bänke als Beeinträchtigung seiner Inhalte und lies diese entfernen. Lehanneur und seine derzeit fünf Mitarbeiter sind viel beschäftigt.

Neueste Projekte: Das Interieur für die französische Fastfood-Kette "Flood". Neben kompakten Tischen und Stühlen sowie blasenartigen Leuchten hat Lehanneur hier seinen Sauerstoffreaktor aktualisiert. Blaualgen sorgen demnächst im Fastfood-Ambiente für gute Luft. Auch als Nahrungszugabe werden die Algen hier eingesetzt.

Ab Mai zeigt das Luxemburger Museum MUDAM die Ausstellung "Tomorrow Now", die von Alexandra Midal und dem schwedischen Designer Björn Dahlström konzipiert und von Lehanneur gestaltet wird. Hier kann Mathieu Lehanneur futuristischen Neigungen und dem Ausstellungsdesign frönen: Die Schau widmet sich dem Verhältnis von Design und Sciencefiction. (Thomas Edelmann/Der Standard/Rondo/02/03/2007)
Ausstellung "Tomorrow now: Design & Science-Fiction"

Die von Alexandra Midal und Björn Dahlström konzipierte und von Mathieu Lehanneur inszenierte Ausstellung "Tomorrow Now" im Luxemburger Museum Mudam ist eine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Mensch und Technologie und spürt Anzeichen einer bereits gegenwärtigen Zukunft in der jüngeren Vergangenheit und der Welt von heute auf. Die Ausstellung soll eine Hommage an den gebürtigen Luxemburger Hugo Gernsback sein, den Begründer des Begriffs Sciencefiction. Ihr Gegenstand sind sowohl dekorative Elemente als auch das Design selbst, standardisierte Produkte und konzeptuelle Architektur, Formen der zeitgenössischen Kunst und die gewagtesten Innovationen im Bereich des Designs.
24. Mai bis 24. September 2007

MUDAM
Mathieu Lehanneur
  • "Hypnotisches Kabinett" als Rückzugsmöglichkeit für das Individuum oder die ganze Familie
    foto: hersteller

    "Hypnotisches Kabinett" als Rückzugsmöglichkeit für das Individuum oder die ganze Familie

  • Objekt "O", das mithilfe von Blaualgen den Sauerstoffgehalt in der Wohnung optimiert
    foto: hersteller

    Objekt "O", das mithilfe von Blaualgen den Sauerstoffgehalt in der Wohnung optimiert

  • Gerät "K", das der gezielten Lichttherapie dient
    foto: hersteller

    Gerät "K", das der gezielten Lichttherapie dient

  • Herumkugelobjekt "dB", das Lärm schluckt
    foto: hersteller

    Herumkugelobjekt "dB", das Lärm schluckt

  • Designer Mathieu Lehanneur
    foto: hersteller

    Designer Mathieu Lehanneur

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