Anzeige gegen "Österreich"-Journalist wegen Telefonat mit Geiselnehmer

22. Juni 2007, 15:18
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Rechtliches Nachspiel möglich - Staatsanwalt muss entscheiden, ob Gesundheit der Opfer gefährdet worden ist

Exklusivmeldungen sind im Journalismus ein begehrtes Gut, versprechen sie doch kommerziellen Gewinn durch höhere Auflage oder größere Reichweiten. Das Exklusiv-Gespräch eines Journalisten der Tageszeitung Österreich könnte jetzt aber für ihn gravierende Folgen haben. Wiens Polizeivizepräsidentin Michaela Pfeifenberger kündigte am Mittwoch an, den Mann bei der Staatsanwaltschaft anzuzeigen.

Zwei Geiseln befanden sich Dienstagnachmittag mit dem mutmaßlichen Täter Günter B. noch in der von Polizei, Medien und Schaulustigen belagerten Bankfiliale in der Wiener Mariahilfer Straße – als ein Telefon in dem Geldinstitut klingelte: Der Österreich-Journalist wollte mit dem Geiselnehmer verbunden werden. Zunächst wehrte die Geisel, ein Bankangestellter, der den Hörer abnahm, diesen Wunsch noch ab – um schließlich doch den Hörer zu übergeben.

"Märchenprinz"

Im folgenden Gespräch will der Journalist unter anderem wissen, wie es dem 39-jährigen B. geht und wie es jetzt weitergehen wird. Dabei zeigen sich die Stimmungsschwankungen des Mannes in der Bank: Während er auf manche Fragen eingeht, kanzelt er den Anrufer dann wieder als "Märchenprinz" ab und droht an, einen Schuss abzugeben, ehe er abrupt auflegt.

Für Peter Goldgruber von der Wiener Polizei ist diese Vorgehensweise höchst bedenklich: "Der Redakteur hat ja nicht irgendwo angerufen, sondern gewusst, dass dort eine Geiselnahme stattfindet und sich die Menschen in einer Ausnahmesituation befinden und möglicherweise unberechenbar reagieren." Dass der Verdächtige keine echte Waffe, sondern nur eine Kunststoffpistole dabeihatte, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt. "Wenn mir aber bewusst ist, dass ich durch meine Handlung eine Gefahr für andere auslöse, wird es rechtlich problematisch", ist Goldgruber überzeugt.

Drei Monate Haft

Was auch Gerhard Jarosch, Sprecher der Staatsanwaltschaft, so sieht. Zum aktuellen Fall könne er natürlich nichts sagen, da er die Sachverhaltsdarstellung der Polizei noch nicht kenne. "Grundsätzlich ist ein Gefährdungsdelikt aber abstrakt, das heißt, es muss niemand verletzt werden, sondern nur die Möglichkeit bestehen."_Bis zu drei Monaten Haft droht der entsprechende Paragraf "Gefährdung der körperlichen Sicherheit" im Strafgesetzbuch an.

Fellner schiebt die Schuld der Exekutive zu

Wolfgang Fellner, Herausgeber und Chefredakteur von Österreich, sieht im Gespräch mit dem STANDARD dagegen absolut keine Gefahr eines Rechtsbruchs durch seine Untergebenen. "Der Journalist hat im Zuge seiner Recherche in der Bank angerufen, und es ist dabei kein Schaden entstanden", hält Fellner fest. Weder im Ehrenkodex des Österreichischen Presserates (der nach dem Ausstieg der Verleger aufgelöst worden ist) noch im Gesetz sei ein derartiger Anruf nach seinem Wissensstand verboten – im Gegensatz zu Deutschland, wo der Presserat nach dem Geiseldrama von Gladbeck 1988 den Verhaltenskodex erweitert hat: "Interviews mit Tätern während des Tatgeschehens darf es nicht geben."

Wolfgang Fellner schiebt die Schuld dagegen der Exekutive zu: "Es ist europaweit üblich, bei solchen Situationen das Telefon abzusperren", um Anrufe von außen zu verhindern. "Der Fehler liegt sicher bei der Exekutive."

Das will wiederum Polizist Goldgruber so nicht stehen lassen. "Natürlich wird ein Kappen der Telefonleitungen immer erwogen, es hat aber auch verhandlungstaktische Gründe, ob man das macht oder nicht." Über Details will sich der Beamte aber nicht auslassen. Was ihn viel mehr erzürnt, ist die Haltung der Zeitung. Denn während der Stadtsender Puls-TV, der den Polizeieinsatz live übertragen hat, auf Bitte der Exekutive, Kamerawinkel und -standorte aus taktischen Gründen zu verändern, reagiert habe, ortet Goldgruber bei Österreich keine Einsicht.

Fellners Versicherung

Vor allem das am Dienstagabend via Austria Presse Agentur verbreitete Zitat Fellners, "es wäre also besser, wenn man sich bei uns bedanken würde", verärgert die Polizei. Der Satz sei aber "scherzhaft gemeint" gewesen, beteuert Fellner gegenüber dem STANDARD. Allerdings: "Möglicherweise haben alle etwas gelernt, wenn man sich einigt, nicht dort anzurufen, dann werden wir uns daran halten", versichert er.

Der im Zentrum der Aufmerksamkeit stehende Journalist beteuert, ihm sei eine mögliche Gefährdung der Geiseln nicht bewusst gewesen – was die einprasselnde Kritik nicht mehr stoppen konnte. Innenminister Günther Platter (VP) warnte vor möglichen "fatalen Folgen" solcher Aktionen, Engelbert Washietl, Vorsitzender der Initiative Qualität im Journalismus, gab zu bedenken, dass es eine "ungeschriebene Regel gibt, dass man Kriminellen kein Forum in den Medien geben darf." Die FP-Abgeordnete Barbara Rosenkranz will eine Anfrage an Platter zur Causa einbringen. (Michael Möseneder/DER STANDARD; Printausgabe, 1.3.2007)

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