In jeder Zelle eine Königin

6. März 2007, 13:26
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Mit Stephan Kimmigs "Maria Stuart" vervollständigt das Hamburger Thalia Theater seine mit Elfriede Jelinek begonnene Untersuchung über weibliche Macht

Vor vier Monaten legte die Hamburger Thalia-Schauspielerin Susanne Wolff in Elfriede Jelineks Ulrike Maria Stuart die unter Mythenkrusten erstarrte Erinnerung an eine Frau frei, die als Fahndungsikone einen "Deutschen Herbst" lang die Angstträume der jungen westdeutschen Demokratie tapezierte. Umdröhnt vom Lärmen einer um den revolutionären Ernst betrogenen posthistorischen Spaßguerilla, suchte Wolff als Archäologin der Weiblichkeit nach den Gründen, die eine anständige Frau dazu verführten, mit politischer Macht Unzucht zu treiben. Dabei schauten ihr zwei dramatische Prachtweiber neugierig über die Schulter, die das tödliche Spiel schon kannten: Elisabeth I. und ihre schottische Rivalin Maria Stuart.

Jetzt thront die Wolff als Schillers Maria Stuart, an Händen, Füßen und Oberkörper an den Hinrichtungsstuhl geschnallt, im Hochsicherheitstrakt von Fotheringhay Castle und haut Lord Burleigh, dem Notar des Gewaltregimes (Peter Jordan), seine Rechtsbelehrungen um die Ohren, als träte er ihr mit unsittlichen Resozialisierungsangeboten zu nahe. Wie die zur Märtyrerin des Widerstands selbststilisierte Meinhof lässt sich auch Maria ihren privilegierten Status als Edelhäftling weder abhandeln noch abschwatzen.

Dafür wandert sie schließlich, in ziemlich unroyalen Badelatschen schlurfend, aber eskortiert von hochmögenden Anzugträgern des Reichs, zum Schafott. Die Angstfreiheit allerdings, in der sie ihren letzten Gang antritt, bietet ein unerreichbares Exempel an Souveränität, um die sich Elisabeths Berater bei ihren diskursiven Absicherungen des Herrschaftsanspruchs ihrer Chefin vergeblich bemühen. Von Elisabeth selbst gar nicht zu reden, bei Paula Dombrowski eine schmale, verwelkte Paranoikerin mit etwas zu roten Lippen und einer etwas zu einstudierten Laszivität auf den Stöckelschuhen.

Vielleicht steckt Marias Freiheit von Angst ja in den königlichen Genen, die zu Beginn der Aufführung auf einer Leinwand ein dekoratives Zellteilungsballett tanzen. Vielleicht gibt ihr auch die Perspektive, den Machtkampf und damit den Kopf zu verlieren, dafür aber, mit jambenprächtiger Hilfe, den Nachruhm für die Ewigkeit zu gewinnen, jene unbeirrbare Stärke, mit der Susanne Wolff von Anfang an die Furcht, die aus jedem Augenpaar auf sie eindringt, einfach erkenntnisnüchtern weglächelt.

Der Regisseur Stephan Kimmig, einer der intelligentesten der mittleren Regie-Generation, sieht in Maria Stuart Schiller als Strategen der Angst am Werk. Sie hält Elisabeths Reich im Innersten zusammen, die Lords in Schach, und sie neutralisierte auch die Stuart, solange diese das Fürchten kannte. Bei Kimmig handelt Schillers Trauerspiel nicht vom schäbig eingefädelten Justizmord an einer schönen, jungen, aber ein wenig liederlichen Königin. Sondern davon, wie ein ganzes Reich in Angststarre fällt, weil sich seine Herrscherin ihrer Legitimität nicht sicher ist und jeden Zweifel daran beseitigen muss. Und davon, wie die strahlende Verkörperung dieses Zweifels die Freiheit findet, indem sie den Tod sucht.

Die außergewöhnliche Intelligenz dieser Aufführung des Hamburger Thalia Theaters illustriert eine kleine Szene, in der Graf Leicester, der Geliebte beider Königinnen (glatzköpfiger Karrierist: Werner Wölbern), vor seiner Flucht nach Frankreich die Marseillaise übt. Von England 1587 geht der Blick in eine ferne Zukunft, von 1800, der Entstehungszeit des Stücks, in die nahe Vergangenheit. Beide Male nach Frankreich. Wo man ebenfalls die "Kunst" beherrschte, Könige um einen Kopf kürzer zu machen. (Oswald Demattia/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 2. 2007)

  • Aus diesem Zweikampf gibt es kein Entrinnen: Maria Stuart (Susanne Wolff, li.) im Clinch mit der Übermacht der Rivalin Elisabeth (Paula Dombrowski, 2. v re.).
    foto: declair

    Aus diesem Zweikampf gibt es kein Entrinnen: Maria Stuart (Susanne Wolff, li.) im Clinch mit der Übermacht der Rivalin Elisabeth (Paula Dombrowski, 2. v re.).

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