Sex im Behindertenheim kein Tabu

4. März 2007, 19:45
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Paare in gemeinsamer Wohnung - Psychologin ist auch Diskussion über speziell geschulte Prostituierte "nicht abgeneigt"

Linz – 70 Jahre, Altenheimbewohner, demenzkrank und auffallend liebestoll. Für die Leitung eines Welser Seniorenheims kein Problem: Bestellt wurde eine Prostituierte – DER STANDARD berichtete. Der Fall hat jetzt eine Diskussion über Sex im Alter generell und Sex bei behinderten Menschen im Speziellen ausgelöst. Im Evangelischen Diakoniewerk Gallneukirchen ist das vermeintliche Tabuthema hingegen längst schon gelebter Alltag.

"Wir beschäftigen uns seit gut fünfzehn Jahren sehr intensiv mit dieser Thematik", erzählt Eva Oberbichler, Psychologin und Diakoniewerk-Geschäftsführerin. Die Erfahrung sei weit gehend positiv: "Derzeit leben 10 Paare in unserer Einrichtung, vier davon in einer gemeinsamen Wohnung. Natürlich ist da auch Sexualität ein wichtiges Thema", so Oberbichler. Speziell geschulte Therapeuten begleiten die Pärchen. "Zuerst beobachten wir nur. Erst wenn aus dem oft sehr schnell dahergesagten Liebesbekundungen etwas Ernstes wird, greifen wir unterstützend ein", erläutert Oberbichler. In Gesprächen würden dann Bereiche wie Verhütung, Liebe, Respekt angesprochen werden.

"Bei behinderten Männer kommt es vor, dass die Aufklärung oft nur über Pornofilme passiert ist. Betroffene agieren dann in einer Partnerschaft unbewusst sehr grob", so Oberbichler. "Aktive Sexualhilfe" durch Mitarbeiter lehne man aber ab. "Einer Diskussion über speziell geschulte Prostituierte für behinderte Menschen – ähnlich wie es sie in Deutschland bereits gibt – wären wir aber nicht abgeneigt", so die Psychologin.

Oskar und Irena sind seit vier Jahren ein Herz und eine Seele. "Bei den beiden hat es sich langsam entwickelt. Zuerst nur ein vorsichtiges Händchenhalten, manchmal ein flüchtiges Bussi", erzählt die Psychologin. Irgendwann wurde es dann ernst: Aus zwei getrennten Zimmern sind heute ein gemeinsames Schlaf- und ein Wohnzimmer geworden. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD - Printausgabe, 28. Februar 2007)

  • Ein Bund fürs Leben: Oskar und Irena 2005 bei ihrer "Segnung für eine glückliche Partnerschaft".
    foto: diakoniewerk

    Ein Bund fürs Leben: Oskar und Irena 2005 bei ihrer "Segnung für eine glückliche Partnerschaft".

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