Tschetschenien: Ramsan lehrt den Frieden

20. März 2007, 16:35
2 Postings

Ramsan Kadyrov steigt in der russischen Kaukasusrepublik zum unumschränkten Herrscher auf - "Wo gibt es schon faire Wahlen?"

In der russischen Kaukasusrepublik Tschetschenien steigt Ramsan Kadyrow zum unumschränkten Herrscher auf. "Wo gibt es schon faire Wahlen?", sagt er. Das Volk fürchtet und schätzt ihn.

* * *

Vor zwei Jahren habe er das letzte Mal geschossen, behauptet Ruslan. Wie viele Menschenleben er bis 2004 auf dem Gewissen hat, darüber will er nicht reden: "Besser nicht zählen", sagt er lakonisch. Auch wenn der 29-Jährige die Waffe angeblich nicht mehr braucht, trägt er sie griffbereit. Wie seine Kampfgenossen aus der Leibgarde von Ramsan Kadyrow lässt auch Ruslan keinen Zweifel daran, dass sie die Kontrolle in Tschetschenien übernommen haben.

Allgegenwärtig sind die durchtrainierten Männer, im Norden des Landes prägen sie das Straßenbild. Mit 15.000 Rubel (450 Euro) verdienen sie mehr als der Rest. Von 5000 bis 6000 Mann war lange die Rede. Seit andere Kriegsherrn ausgelöscht worden sind, haben sich deren Kämpfer auf Kadyrows Seite geschlagen. Heute zählt die Privatarmee 15.000 bis 16.000 Mann. Alle schwer bewaffnet, selbstbewusst, wiewohl hochgradig nervös.

Interimpräsident

Tschetscheniens neuer Machthaber ist Ramsan Kadyrow. Vor zwei Wochen hat Russlands Staatschef Wladimir Putin den Republikspräsidenten Alu Alchanow abgesetzt und den 30-jährigen Ramsan zum interimistischen Präsidenten erhoben, die formale Bestätigung durch das Parlament folgt bald: "Wo gibt es schon faire Wahlen?", lacht Ramsan über die Frage nach seiner Legitimität: "Das Wichtigste sind nicht Wahlen, sondern die Meinung des Volkes."

Das Volk nimmt, was es kriegt. Ob die Mär vom Frieden in der Kaukasusrepublik stimme? "Es wird nicht mehr geschossen", sagt Zinaida, "zumindest hört man es nicht." Die 50-jährige Putzfrau hat fünf Jahre im Flüchtlingslager in Inguschetien gelebt. 2004 ist sie nach Grosny zurückgekehrt. "Ein bis zwei Prozent der Flüchtlinge kommen zurück", erklärt Achmed, Mitarbeiter einer Flüchtlingsorganisation: "Wenigstens ist die Abwanderung gestoppt. Die Leute mögen Kadyrow - wenn auch nur, weil sie ihn fürchten."

Brutale Vergangenheit

Ramsans brutale Vergangenheit als Chef der Leibgarde seines Vaters erlaubt es nicht, ihn mit Vorschusslorbeeren auszustatten. Auch Zinaida lebt nicht ohne Angst. Immerhin würden die Wohnungen nicht mehr von Maskierten durchfilzt. Tausende junger Männer waren in den letzten Jahren bei solchen Säuberungen verschwunden. Die Menschenrechtsorganisation Memorial zählte im Vorjahr immerhin noch 186 dokumentierte Fälle. Zinaida hat zwei Söhne. Mit ihren 3000 Rubel (95 Euro) könnte sie sie nicht durchfüttern. Ihr Mann aber arbeitet auf dem Bau und bringt 400 Euro nach Hause: "Damit lebt man heute ganz gut."

Zumindest in den zentralen Straßen der Stadt wird gebaut. Kadyrow zwingt Unternehmer zu Investitionen. 90 Prozent der Republiksfinanzen freilich kommen aus Moskau: offiziell 28 Milliarden Rubel (830 Mio. Euro). Bestenfalls 20 Prozent würden es an der Bürokratie vorbei bis nach Tschetschenien schaffen, ließ Kadyrow Moskau wissen.

Unberechenbarer Spund

Moskau hat seine liebe Not mit dem jungen Leader. Es weiß, dass er ein unberechenbarer Spund ist, aber man hat keinen anderen. Finanzpolitisch hält man ihn an der Leine. Die 20 bis 25 Mrd. Rubel aus dem tschetschenischen Ölexport fließen nach Moskau. Ramsan will seinen Anteil und ist derzeit sogar bereit, auf größere Autonomie zu verzichten.

Die ist ohnehin größer denn je. Und Ramsan demonstriert sie. Die größte Moschee des Nordkaukasus hat er errichtet. Und auch sonst zeigt der Omnipräsente seine Omnipotenz. Auf dem Weg zur Endausscheidung der "Mrs World" in Sotschi wurden dieser Tage die schönsten Ehefrauen zu Kadyrow gekarrt: "Wir wurden nicht gefragt", sagt eine Teilnehmerin, die nicht genannt werden möchte: "Wenn ich sehe, dass in Kadyrows Palast Statuen für 80.000 Euro stehen und draußen Not herrscht, werde ich richtig zornig." In der Nähe von Gudermes hat sich Kadyrow eine luxuriöse Residenz hinstellen lassen. Dutzende schwarze Landcruiser, Lexus- und Porsche-Geländewagen zieren den Garten. Manch ein Gast steigt kreidebleich aus diesen Fahrzeugen, nachdem sie von Kadyrows Leuten mit bis zu 180 km/h über die holprigen Straßen getrieben wurden. (Eduard Steiner aus Grosny, DER STANDARD, Printausgabe 26.2.2007)

  • Ankunft der "Mrs World" in Grosny.
    foto: steiner

    Ankunft der "Mrs World" in Grosny.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ramsan Kadyrow, neuer Präsident Tschetscheniens, lebt seine Macht aus und ließ die Damen einen Umweg über seine Republik machen.

Share if you care.