Rückschlag für Anti-Rassismus-Politik

28. Jänner 2008, 20:00
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Ein Sportgerichts-Urteil des Nordostdeutschen Fußball-Verbandes enthebt Vereine von ihrer Verantwortung für fremdenfeindliches Fanverhalten

Wien - Die Anti-Rassismus-Politik im deutschen Fußball musste dieser Tage einen Rückschlag hinnehmen. Der Viertligist Hallescher FC hatte gegen ein Urteil des Sportgerichts des Nordostdeutschen Fußball-Verbandes (NOFV) berufen, die zweite Instanz folgte nun der Argumentation des Oberligisten und reduzierte die gegen den Klub verhängte Strafe. Wegen wiederholter rassistischer Ausfälle gegen den nigerianischen Spieler Adebowale Ogungbure vom Lokalrivalen Sachsen Leipzig, war der Verband nach anfänglicher Untätigkeit doch noch aktiv geworden. Halle wurde - auch wegen weiteren Vorfällen von Fehlverhalten seiner Anhänger - zu einer Geldstrafe von 2000 Euro und einem Spiel unter Auschluss der Öffentlichkeit verurteilt. Außerdem sollte der Klub dafür Sorge tragen, rassistische Äußerungen seiner Fans hintanzuhalten.

Doch genau dazu sahen sich die Hallenser nicht in der Lage. Man fühle sich allein gelassen, so ein Sprecher. Und der Klub-Präsident vertrat den Standpunkt ein, gegenüber gesellschaftlichen Problemen wie Rassismus und Gewalt machtlos zu sein. Das Sportgericht folgte nun dieser Argumentation und strich die Auflagen ersatzlos. Auch Geldstrafe und Verfahrenskosten wurden reduziert. "Mein Vertrauen in den Nordostdeutschen Verband ist zu einem großen Teil zurückgekehrt. Die Debatte um Rassismus und Gewalt in den Stadien der Amateurligen bekommt wieder die nötige Sachlichkeit", wird Präsident Schädlich in der "Mitteldeutschen Zeitung" zitiert. Die Platzsperre sieht er weiterhin als ungerechtfertigt an.

Das Urteil konterkariert die von DFB-Präsident Theo Zwanziger resolut vorangetriebenen Aktivitäten seines Verbandes gegen fremdenfeindliche und diskriminierende Tendenzen. Gerade in niedrigeren Ligen, vorzüglich Ostdeutschlands, mussten in letzter Zeit wiederholt solche Manifestationen konstatiert werden. Die befremdliche Haltung des Regionalverbandes, der sich mit diesem Urteil von jeglicher Verantwortung und Einflussmöglichkeit absentiert, lässt die eigenen vollmundigen Ankündigungen sehr hohl klingen. Bezugnehmend auf die Partie in Leipzig stellte der NOFV nämlich auf seiner Homepage fest, "all seine Möglichkeiten nutzen, um diese zu verachtenden Ereignisse aufzuklären und den oder die Verantwortlichen zu bestrafen."

Immerhin betreibt der mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten kämpfende Hallesche FC ein Fanprojekt namens "Streetwork", welches "gute Stimmung und Kultur" im Umfeld des Fußballs promoten und proaktiv Gewalttätigkeit entgegen wirken soll. Gleichzeitig spricht man sich jedoch gegen die "Kriminalisierung gewaltgeneigter Fans" aus. Diese hatten Ogungbure im März dieses Jahres sogar physisch angegriffen.

Unterdessen geht der Aufruhr in der Oberliga Nordost Süd weiter. Das Spiel zwischen Zwickau und Chemnitz musste wegen wegen Fanrandale unterbrochen werden, Zwickaus Präsident zog die Konsequenzen und trat zurück. Und am letzten Wochenende wurde der Spieler Ogungbure laut Medienberichten erneut Opfer rassistischer Beschimpfungen. Diesmal in Plauen und von Spielern der gegnerischen Mannschaft. Der dortige VFC drehte danach den Spieß um und wies alle Beschuldigungen zurück. Im Gegenzug warf man dem Nigerianer - der die Nerven verloren und den Plauener Andrej Zapyshnyi attackiert hatte - vor, "eigenes Fehlverhalten durch Inszenierung einer vermeintlichen Märtyrerrolle" übertünchen zu wollen. Halle beeilte sich, diese Position Plauens auf seiner eigenen Homepage ebenfalls dem geneigten Leser zur Kenntnis zu bringen. Ogungbure, gegen den der NOFV eine Vorsperre verhängte während über Ermittlungen gegen Zapyshnyi noch nichts bekannt wurde, denkt indes an einen Wechsel nach Frankreich oder England. (Michael Robausch, 14.11. 2004)

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