Doris Gerckes "Weinschröter, du musst hängen"

22. Februar 2007, 21:01
posten

Der allererste Bella-Block-Krimi war Ende der 80er-Jahre eine Sensation

Wodka und Polizei - ob die Kombination gut geht? In diesem allerersten Bella-Block-Krimi von Doris Gercke mit dem wunderbaren Titel "Weinschröter, du musst hängen" gehen jedenfalls Heldin und Wodka-Orangensaft eine unauflösbare Verbindung ein. Als absolutes Lieblingsgetränk von Bella Block sorgt es für Trost, Aufheiterung und Gedankenblitze. Natürlich nicht ohne Folgen: "Bella Block stand neben dem Fahrstuhl und wartete. Der Kopf tat ihr weh, weil sie am Abend zuvor zu viel Wodka getrunken hatte. Die Füße taten ihr weh, weil sie unbequeme Schuhe anhatte (...). Die Notlösung, um nicht zu spät zu kommen, war knallrot und hatte Vierzehn-Zentimeter-Absätze. Scheiße, murmelte sie vor sich hin." Das Buch war Ende der 80er-Jahre eine Sensation: Nicht nur, dass hier eine Frau ermittelt, sie ist auch bereits "in reiferen Jahren". Saufen und Sex ist sie keineswegs abgeneigt, und von Männern lässt sie sich schon gar nichts vormachen. So viel moralische Coolness war man von deutschen Büchern bis dahin nicht gewöhnt...

Inzwischen ist Doris Gercke mit ihren Büchern berühmt geworden, hat Preise bekommen und zählt zu den erfolgreichsten Krimiautorinnen Deutschlands. Und einige Jahre nach Erscheinen des ersten Bandes sorgte Bella Block ein zweites Mal für Furore: als Fernsehkommissarin, dargestellt von Hannelore Hoger.

Dass die Hoger eine ganz großartige Schauspielerin ist, dürfte bekannt sein, aber in dieser Rolle übertrifft sie alles. Wie sie dieser Figur Fleisch, Stimme, Lakonie gibt - ich sage nur: kongenial! In ihrem ersten Fall kann Bella Block gleich ihrem anstrengenden neuen Chef aus dem Weg gehen. Sie soll nämlich in dem Dorf ermitteln, in dem sie just ein ererbtes Haus besitzt; sie setzt sich also erst einmal in den Garten und säuft. Zu diesem Zeitpunkt weiß der Leser bereits, dass die Selbstmorde im Dorf tatsächlich keine waren und die Mörderin weiterhin Rachepläne schmiedet. Während Bella noch von Landidylle träumt, wird der Leser bereits schonungslos konfrontiert mit dörflicher Enge, gegenseitigen Bespitzelungen, Quälereien und sozialen Ausschlussmechanismen - das Dorf als Mikrokosmos des grausamen Sozialtiers Mensch. Natürlich ist die Täterin eigentlich das Opfer, wie es sich bei einer Autorin gehört, die das sympathische Bedürfnis verspürt, sich mit den gesellschaftlichen Verhältnissen kritisch auseinanderzusetzen. Ein engagiertes Frauenbuch hat man das damals sicher genannt, aber zum Glück bleibt die Geschichte durch Bella Blocks Witz und unkonventionelle Art erfrischend unideologisch. Der Einsatz der Autorin für die Benachteiligten und ihre Freude an unkonventionellen Entscheidungen spielen auch beim überraschenden Schluss eine Rolle. Am besten: Lesen! (Tom Stromberg / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.2.2007)

  • Artikelbild
    foto: sz
Share if you care.