"Letters from Iwo Jima": Großtat eines "japanischen Regisseurs"

23. Februar 2007, 14:59
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Clint Eastwoods jüngstes Meisterwerk "Letters from Iwo Jima" wird zu Recht allerorten als großer Kriegsfilm gewürdigt

Wesentlicher ist aber die neue Mobilität, die der Regisseur mit vielen Kollegen teilt.


Wien – Als Clint Eastwood kürzlich in Paris zum Commandeur des Arts et Lettres ernannt wurde, mochte man den ersten Teil seiner gewohnt kurzen Dankesrede – "Ich habe zuletzt als japanischer Regisseur gearbeitet" – als charmante PR für "Letters from Iwo Jima" deuten. Der zweite Teil – "demnächst würde ich gerne als französischer Filmemacher, in Frankreich, tätig sein" –, er war nicht weniger nett, ging aber auf durchaus selbstreflexive Weise tiefer.

Zum einen zeichnet sich hier die Haltung eines Studiohandwerkers ab, der sich in seinen späten Jahren zunehmend als Autor und mithin seiner Handschrift verpflichtet sieht und dabei immer gelassener nationale Grenzen überschreitet – nicht, indem er den "Anderen" Hollywood aufoktroyiert, sondern indem er sich auf diese Anderen einlässt. Ähnlich verhält es sich dieser Tage ja mit nicht wenigen profilierten US-Filmemachern: Woody Allen dreht demnächst mit Penelope Cruz in Spanien, Steven Spielberg war zuletzt mit "Munich" quer durch Europa zugange, David Lynch drehte sein jüngstes Werk "INLAND EMPIRE" in Osteuropa, detto Francis Ford Coppola, der in Bukarest mit Bruno Ganz unter dem Titel "Youth without Youth" eine Novelle von Mircea Eliade adaptierte.

"Letters from Iwo Jima" passt – und das wird gegenwärtig in vielen berechtigten Lobeshymnen auf diesen großen Kriegsfilm unterschlagen – vortrefflich in diese Reihe von Öffnungen "nach außen hin", die auch ökonomisch motiviert sind: Die oben genannten Künstler können, wenn sie ästhetisch und inhaltlich etwas riskieren, eher am europäischen und asiatischen als am US-Markt punkten.

Eastwood zum Beispiel wurde schon vor den Oscars für "Unforgiven" (1991) vor allem in Frankreich als "auteur" gefeiert, etwa für "Bird" oder "White Hunter Black Heart". In den USA hingegen? Selbst ein Star wie er kann, wenn er die Genre-Regeln und bewährten Rollenspiele nicht exakt erfüllt, wie zuletzt in "Million Dollar Baby", bedrückende Leere in den Kinos erzeugen: Knapp 30 Millionen Dollar hat zuletzt der erste Teil des Iwo-Jima-Diptychons "Flags of Our Fathers" in den Staaten eingespielt, "Letters" bis dato überhaupt nur zehn Millionen Dollar – und das, obwohl beide Filme mehrfach für die am Wochenende stattfindende Oscar-Verleihung nominiert sind.

Vor wenigen Jahren noch hätte so ein "Flop" für einen Regisseur das künstlerische Aus bedeutet – auch, weil man ihm gar nicht mehr die Chance gegeben hätte, international Boden zu gewinnen.

Hier sind wiederum heute die Meriten neuer Vermarktungsstrategien und billigerer Produktionstechnologien vor: "Letters from Iwo Jima", zur Gänze auf Japanisch, mit japanischen Stars gedreht, wurde bereits im November in Japan gestartet und war dort ein entsprechender Hit. Und dank digitaler Tricks dürften sich die Produzenten (d.h. Eastwood, Spielberg und DreamWorks) einiges vom Budgetaufwand gespart haben, der sonst mit vergleichbaren Kriegsfilmen einherging: siehe etwa die computeranimierten US-Flotten vor der Küste Iwo Jimas (die im Übrigen gegenüber der Präsenz der realen Körper und Gesichter fast ein wenig lächerlich aussehen).

Rettende Fremde

Es klingt fast ironisch, dass der neue globale Markt, von dem Kulturpessimisten gerne mutmaßen, dass die US-Industrie ihn nach ihrem Abbild gestaltet und alles nivelliert, in ebendieser Industrie rettende Lücken für individuelle Handschriften generiert. Einen Sprachreichtum und eine Formenvielfalt, vergleichbar mit den 30er- und 40er-Jahren, als europäische Emigranten in Hollywood wesentliche Impulse gaben (nichts anderes tun derzeit übrigens Studioregisseure wie Ang Lee, Alejandro Iñárritu oder Guillermo del Toro).

Dass deshalb nicht alle Filme, die mehrere Kulturen "bedienen" wollen, gut sind – klar! Ethnokitsch wie "Shogun" oder "Last Samurai" wird es immer geben. Gerade deshalb ist es zutiefst befriedigend, in "Letters from Iwo Jima" mitvollziehen zu können, was das heißt: sich vorurteilsfrei einer anderen Kultur, fremden Haltungen und Sprachregelungen zu nähern. Einen konstruktiven Dialog zu führen. Distanz und Fremde als rettende, inspirierende Faktoren zu nutzen.

Es muss, stellen wir uns vor, für Clint Eastwood bei diesem Film so gewesen sein, als inszeniere er – das Schwierigste überhaupt – seltsame Pflanzen: Mit vorgefassten Meinungen kommt man denen nicht bei. Diese japanischen Schauspieler agieren anders, denken anders, sie geben einen anderen Rhythmus vor: Sich darauf einzulassen scheint derzeit ein wesentliches Indiz für relevantes politisches Kino zu sein. (Claus Philipp DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.2.2007)

  • "Letters from Iwo Jima" – ein echter Eastwood? Für den Regisseur schon, aber in den US-Kinos ...
    foto: warner bros.

    "Letters from Iwo Jima" – ein echter Eastwood? Für den Regisseur schon, aber in den US-Kinos ...

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