Zoo Schönbrunn: Keusche Koalas und gefährdete Giraffen

18. Juni 2007, 17:49
1 Posting

Die neue Tiergarten-Direktorin Dagmar Schratter setzt auf Forschung und Artenschutz

Mirra Li döst auf ihrem Baum, Bilyarra auf seinem. Seit vier Jahren sind die beiden Koalas im Wiener Tiergarten Schönbrunn nun schon ein Paar. Aber mehr als den extra aus England importierten Eukalyptus hatten die ungewöhnlich keuschen Beuteltiere aus Down-Under bisher nicht im Sinn. Ein zweites Koala-Männchen soll deshalb für Nachwuchs sorgen. Bereits kommende Woche wird die Ménage à Trois im Gehege starten. Und damit auch ein neues wissenschaftliches Projekt der Verhaltensforschung. Zoologen in aller Welt sind am Sexleben der Koalas interessiert.

"Artenschutz durch Zuchtprogramme und Forschung sind zentrale Aufgaben von Tiergärten", betont Direktorin Dagmar Schratter, die Anfang Jänner die Nachfolge von Helmut Pechlaner angetreten hat. Eine ihrer ersten Personalentscheidungen war deshalb auch die Anstellung einer Kuratorin für Artenschutz und Forschung.

Viele der insgesamt 8000 Tiere in Schönbrunn kommen in freier Laufbahn nur mehr selten vor oder sind sogar vom Aussterben bedroht. Dazu zählen nicht nur Sibirische Tiger, afrikanische Rothschildgiraffen und Lisztaffen, sondern auch Humboldtpinguine, der Schreckliche Giftfrosch oder der Waldrapp.

Elefant als Lkw Neben einem ständig steigenden Besucherinteresse - im Vorjahr kamen mit 2,27 Millionen Gästen so viele wie nie zuvor - kann der Tiergarten Schönbrunn in Zusammenarbeit mit dem Zoologischen Institut der Uni Wien immer wieder spektakuläre Forschungserfolge vorweisen. Etwa im Bereich der Bioakustik: Einem internationalen Team um die Tiergarten-Zoologin Angela Horwath-Stöger gelang es nachzuweisen, dass Elefanten Geräusche nachahmen können. "Das war vorher nur von Vöglen, Fledermäusen, Meeressäugern und Menschenaffen bekannt", so Schratter. Eine Elefantenkuh im kenianischen Tsavo-Nationalpark beispielsweise kann perfekt das Dröhnen vorbeifahrender Lkws nachahmen - und damit Pfleger erschrecken. Außerdem fanden die Forscher heraus, dass asiatische Elefanten im Gegensatz zu ihren afrikanischen Verwandten eine "Zwitschersprache" entwickeln. Die Ergebnisse wurden in der weltweit führenden Fachzeitschrift Nature veröffentlicht.

Auch die Lautgebung der Schönbrunner Elefanten wird erforscht. Neben den Trompetenlauten und dem Brummen kommunizieren die Rüsseltiere über den für Menschen nicht hörbaren Infraschall.

Manche Untersuchungen werden aber auch zum unmittelbaren Schutz der Zoo-Tiere durchgeführt. So wurde beispielsweise nachgewiesen, dass das Klopfen an die Scheiben von Aquarien Fische sogar umbringen kann. Die tollpatschigen Versuche, mit den Tieren im Wasser Kontakt aufzunehmen, entsprechen einer Lautstärke, die bei Menschen zu Hörschäden führt.

Interessante Rückschlüsse auf die menschliche Spezies ergaben in diesem Zusammenhang auch Versuche, welche Tafeln am ehesten das Anklopfen verhindern können: "Bitte nicht an die Scheibe klopfen" hatte praktisch keine Wirkung, "Scheibenklopfen tötet Fische" nahmen sich schon mehr Besucher zu Herzen. Am wirkungsvollsten war aber "Nur Beklopfte klopfen gegen die Scheibe".

Die verbilligte Jahreskarte (um 29 Euro) soll auch heuer wieder viele Besucher regelmäßig in den Zoo ziehen. Kommenden März wird der renovierte und kinderfreundlich gestaltete Tirolerhof wieder aufsperren. (Michael Simoner/DER STANDARD-Printausgabe, 20.02.2007)

  • Zoo-Direktorin Dagmar Schratter mit dem größten ihrer 8000 Schützlinge, einer afrikanischen Rothschildgiraffe.
    foto: corn

    Zoo-Direktorin Dagmar Schratter mit dem größten ihrer 8000 Schützlinge, einer afrikanischen Rothschildgiraffe.

Share if you care.