Letzte Runde im Cabaret Renz

10. April 2007, 18:46
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Wiederbelebung von Wiens ältestem Nachtclub fehlgeschlagen

Wien - Die Tanzstange für Go-go-Girls an der sieben Meter langen Bar wurde zwar schon vor Längerem entfernt, doch nun scheinen auch die Tage des abgewetzten roten Samts, der unterschiedlich großen Separees und der vergilbten Fotos im Cabaret Renz gezählt.

Zwei Jahre, nachdem das einstige Varieté und Edel-Puff in der Zirkusgasse in der Leopoldstadt in ein Szene-Lokal umgewandelt wurde, geben sich die Betreiber geschlagen. "Keine Überraschung bei den angehäuften Mietrückständen", meint Michael Frischler, einer der vier jungen Betreiber, die ab November 2004 elektronische Musik sowie Theater, Lesungen und Kunst aus subkulturellen Nischen in die schmuddeligen Gemäuer brachten. Dazu kamen Probleme mit der Baufirma, fehlende Genehmigungen und persönliche Diskrepanzen zwischen den Chefs. "Wir haben unser minimales Erspartes hineingesteckt und keinen Cent daran verdient", resümiert Frischler. "Es war eine tolle Erfahrung, aber jetzt sind wir g'scheiter."

Off-Gallery soll andernorts weitergeführt werden

Per Zufall sei man auf das abgehalfterte Bordell gestoßen, dessen Name auf Ernst Jacob Renz zurückgeht, der 1853 unweit des Lokals eine riesige Zirkusarena erbauen ließ. Spätestens in den 90er-Jahren hatte das Etablissement jedoch jeglichen Zauber vergangener Nächte verloren. Und die waren lang: In dem seit 1954 bestehenden Cabaret, das als Wiens erster Nachtclub gilt, waren Stars wie Josefine Baker, Omar Sharif, Ringo Starr, Truman Capote, Robert Stolz und Ernst Waldbrunn zu Gast - entweder um selbst auf der Bühne zu stehen oder um den meist erotischen Varietédarbietungen beizuwohnen.

Die Exklusivität verblich im Lauf der Jahre und das Cabaret Renz wandelte sich zum reinen Bordell und musste Ende 2003 schließen. Frischler und seine Kollegen Matthias Breithuber, Peter Szokol und Thomas Schwarzenpoller ergriffen die Chance und brachten internationale DJs in den Kellerclub. Im ersten Stock wurde eine Off-Gallery installiert. Diese soll andernorts weitergeführt werden. Was nach der "Grabtragung" am 28. Februar aus dem Cabaret Renz wird, ist ungeklärt. (Karin Krichmayr; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.02.2007)

Lesen Sie mehr unter:

Scheidendes Schmuckstück im kulturellen Brachland - Tom Ripper, Kurator des Off­spaces, im Interview

Link
www.cabaretrenz.org

  • Vom Bordell zum Szeneclub: Nach zwei Jahren geben die Renz-Chefs auf.
    foto: standard/corn

    Vom Bordell zum Szeneclub: Nach zwei Jahren geben die Renz-Chefs auf.

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