Hugo Portisch: Kein Belehrer, sondern ein Erklärer

5. März 2007, 12:09
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Nichts hasst der Inter­viewer Portisch mehr, als selbst inter­viewt zu werden - Zu seinem 80. Geburts­tag gab es kein Entrinnen

Andreas Novak gestaltete eine ausführliche Würdigung, der ORF zeigt sie Freitag, 21.20 Uhr.

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Paris im Juni 1969: Nach der Wahl George Pompidous ist die Stadt ein Hexenkessel. Anhänger des Präsidenten marschieren, sie jubeln, schmeißen Konfetti. Mitten unter ihnen: Hugo Portisch vor der Fernsehkamera. Erzählt, erzählt, erzählt. Unbeirrt, in völliger Konzentration, ohne Punkt und Komma.

Wie packt man das Leben eines 80-Jährigen in eine 50-minütige TV-Dokumentation? "Selektiv", verrät Regisseur Andreas Novak. Erst recht, wenn der Jubilar einer der renommiertesten Polit-Journalisten des Landes ist: "Dass Portisch der Zeitgeschichtslehrer der Nation ist, wissen wir. Ich wollte ihn als Zeitzeugen befragen", erklärt Novak im STANDARD-Gespräch.

Fluchtreflexe

Im Schließen von Lücken lag die Schwierigkeit, auf die Novak in der Arbeit am Porträt stieß: Denn der Interviewer Portisch hasst nichts mehr, als selber interviewt zu werden. "Da entwickelt er regelrechte Fluchtreflexe", erzählt Novak. "Er hat einen enormen Schrecken, über sich oder über heikle Dinge zu reden. Aber ich bin hartnäckig geblieben und habe ihn so weit gebracht, dass er mir ein Lebensbilanzgespräch gestattet hat."

Portischs Jugend

Fünf Stunden nahm sich Portisch Zeit und beantwortete Fragen. Wie hat Novak ihn in diesen Gesprächen erlebt? "Sehr vital, sehr reflektierend, eigentlich wie in seinen besten Tagen." Im Film wird die Biografie streng chronologisch aufbereitet: "Ich wollte das Puzzle dieser Persönlichkeit dort zusammensetzen, wo die weißen Flecken sind", erklärt Novak. Einer dieser Flecke ist Portischs Jugend. Am 19. Februar 1927 wurde er in Bratislawa geboren, ab 1945 studierte er in Wien. Seine journalistische Laufbahn begann 1950 bei der Wiener Tageszeitung, 1955 wechselte er zum neu gegründeten Wiener Kurier, damals führendes Meinungsblatt. Drei Jahre später übernahm er die Chefredaktion und leitete sie fast zehn Jahre. Ende 1967 schließlich wechselte er zum ORF als Chefkommentator.

"Pure Informationsbegeisterung"

Eine Ankunft gewissermaßen, glaubt auch Novak: "Das Fernsehen war ideale Plattform seiner Analysen." Portisch erklärte die Krisen der Welt. Anfangs in epischer Länge: Bis zu neun Minuten konnte ein Beitrag dauern. "Das zeichnete ihn aus. Aus seinen Schilderungen spricht die pure Informationsbegeisterung. Er ist kein Belehrer, sondern ein Erklärer, weil er nie so einen bildungsbürgerlichen Habitus entwickelt hat. Portisch wollte dem Zuschauer immer klar machen, wie wichtig ein Thema ist. Das macht ihn total sympathisch."

Rundfunkvolksbegehren 1964

Portischs Engagement gemeinsam mit Gerhard Bacher beim Rundfunkvolksbegehren 1964 wertet Novak als Großtat, das Ergebnis als "demokratiepolitischen Quantensprung". Beachtlich vor allem auch deshalb, weil Portisch dadurch wissentlich als "Kurier"-Chef das Konkurrenzmedium ORF förderte. Das sei bezeichnend für Portischs journalistisches Selbstverständnis: "Er sah sich als Wachhund der Nation. Ohne Bacher und Portisch gäbe es den ORF, wie er heute ist nicht."

Novak, der an mehreren Geschichtsserien zu 1918 und 1938 (Ausstrahlungstermin: 2008) arbeitet, entlockte dem stets um Objektivität bemühten Experten schließlich doch persönliche Einschätzungen: Erstmals bezieht Portisch öffentlich zu Waldheim, Irakkrieg und US-Außenpolitik Stellung: "Viele, die ihn zu kennen glauben, werden überrascht sein", verspricht der Dokumentarist. (Doris Priesching/DER STANDARD, Printausgabe, 16.2.2007)

  • Im Fernsehen fand der Chefkommentator Hugo Portisch seine ideale Plattform. Noch immer in bester Erinnerung: Analysen ohne Punkt und Komma.
    foto: orf

    Im Fernsehen fand der Chefkommentator Hugo Portisch seine ideale Plattform. Noch immer in bester Erinnerung: Analysen ohne Punkt und Komma.

  • Verspricht überraschende Momente in der Portisch-Doku: Andreas Novak.
    foto: orf/günther pichlkostner

    Verspricht überraschende Momente in der Portisch-Doku: Andreas Novak.

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