Im Laufen glücklich

16. Februar 2007, 17:00
7 Postings

An den Küsten Westgrönlands ist bis in den April der Hundeschlitten das wichtigste Fortbewegungsmittel

Wie ein kleiner Ufo-Landeplatz liegt das Lager des Rudels gleich neben dem Hotel Arctic. Rundum meterhoch Schnee, nur dort, wo die Hunde um den Pflock an den Ketten im Kreis laufen, entsteht eine fast glatte Fläche. Lange noch balgen sie sich und heulen in den milchig weißen Himmel bis es Nacht wird über der Disko Bay. Dann erst legen sie sich schlafen, immer zwei und zwei, den buschigen Schwanz über der Schnauze.

Jetzt im April ist es schon bis zehn Uhr am Abend taghell. "Es wird Frühling", erklärt Elke Meissner, deutsche Honorarkonsulin in Ilulissat an der Westküste Grönlands. Sie ist vor vielen Jahrzehnten hierher gekommen und geblieben, auch wegen des Lichts. Heute will sie als Reiseveranstalterin ihre Liebe zu diesem Land auch den Besuchern vermitteln.

Erst einmal werden alle mit den dicken Jacken und Hosen aus Seehundfell ausgerüstet und auch die passenden Stiefel finden sich für jeden. Dann stapft die Gruppe zwischen den bunten Holzhäusern in Richtung Eisfjord. In ihm liegt der Gletscher Sermeq Kujalleq, einer der produktivsten der gesamten nördlichen Halbkugel. An die 35 Kubikkilometer Eis werden in Jahr in den Fjord gedrückt und treiben dann ins offene Meer.

Auf dem Weg zum Fjord passiert die Gruppe auch den örtlichen Friedhof, ein Grab liegt offen da. In einer Zone, in der die Erde von Oktober bis Mai permanent gefroren ist, hebt man für Sterbekandidaten eben schon beizeiten ein Grab aus. In den Wintermonaten müsste ein solches sonst mühsam mit Dynamit aus dem Boden gesprengt werden.

Ein paar anstrengende Schritte durch den knietiefen Schnee weiter liegen vor uns die Reste der Siedlung Sermermiut, wie der Eisfjord Teil des Unesco-Weltkulturerbes. Das archäologische Denkmal birgt Reste einer Siedlung, die mit zwei Unterbrechungen 4000 Jahre lang besiedelt wurde. Bereits rund 2500 vor Christus hatten Jäger der Saqqaq-Kultur hier ihr Winterlager aus Torfhütten. Auch die Jäger der Dorset- und Thule-Kultur jagten hier Wale, Seehunde und Rentiere, seit dem 15. Jahrhundert gab es Kontakt mit Walfängern aus Spanien, Holland und Schottland. Als 1737 die Tauglichkeit Sermermiuts als Handelsstandort und Missionsstation bei einer Expedition geprüft wurde, berichteten die Ankömmlinge von einer Siedlung "mit über 20 großen Häusern, wie ein Bauerndorf". Erst in den 50er-Jahren des 19. Jahrhunderts verließen die letzten Einwohner die Siedlung.

Heute ist es strengstens untersagt, hier Gegenstände oder Pflanzen zu entfernen oder zu beschädigen, jedes Moosfleckchen auf einem Felsen stellt in diesen Breiten eine beträchtliche, nicht nur archäologische Kostbarkeit dar.

Den größten Schatz Ilulissats, also den kalbenden Gletscher, können die besorgten Einwohner weniger leicht schützen. Die Klimaerwärmung rückt auch ihm zu Leibe. Noch sind rund 85 Prozent Grönlands von Eis bedeckt, nur rund 341.700 Quadratkilometer (etwa die Fläche Norwegens) sind eisfrei und von knapp 57.000 Menschen besiedelt.

Doch das könnte sich in einigen Jahren ändern. Denn die Eisdecke Grönlands schmilzt derzeit um ein Vielfaches schneller als in den Jahren zuvor. Laut dem Bericht des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change), den die UNO kürzlich veröffentlicht hat, könnte Grönlands Eispanzer in den nächsten 1000 Jahren komplett abschmelzen.

Im Süden der größten Insel der Welt versuchen sich einige wackere Männer schon wieder am Anbau von Kartoffeln, mit Erfolg. Es herrschen also beinahe wieder klimatische Zustände wie anno 982, als Erik der Rote, aus Island verbannt, die Insel erfolgreich als "Grünland" vermarktete.

Doch derartig Schweiß treibende Szenarien vergisst schnell, wer das Glück hat, auf einem Ausflugsschiff ganz nahe an die gewaltigen Eisberge in der Mündung des Fjordes heranzuschippern. Hier ist die Eiswelt noch in Ordnung und schimmert grün und blau und strahlend weiß.

Über übertriebene Wärmeentwicklung können sich auch die Bewohner der kleinen Siedlung Rodebay ein paar Kilometer nördlich bisher nicht beklagen. Weil die Leitungen ständig frieren würden, gibt es Fließwasser hier zentral im Wohnhaus der Krankenschwester, wo die Wäsche des ganzen Dorfes gewaschen wird.

Auch sonst sind die Menschen hier Experten für Mehrfachnutzungen, die Schule dient auch als Kirche. Ist der Unterricht für die neun Schüler beendet, können die Pulte zu Kirchenbänken umgeklappt werden, der Altar befindet sich hinter einer Klappwand im Turnsaal.

Unterrichtssprache ist Grönländisch, die meisten der Jungen sprechen auch Englisch und Dänisch. Grönland ist autonomer Bestandteil von Dänemark, ist also innenpolitisch komplett unabhängig, wird aber außenpolitisch von Dänemark vertreten. Eine weitere Eigenart zeichnet das weit gehend vom Fischfang abhängige Land aus: Grönland ist seit 1985 nicht mehr Mitglied der EU, man wollte sich von den anderen Mitgliedstaaten nicht in die Fischereigewässer pfuschen lassen.

Hier werde der Fischfang eben nachhaltig betrieben, betont Ingo Wolff aus Thüringen, der die einzige Kneipe Rodebays betreibt. Während drinnen Dorsch, Heilbutt und Wal gereicht werden, zerlegt draußen vor der Tür einer der Dorfbewohner eine eben erlegte Robbe. Auch das Hundegespann erhält seinen Teil, gefüttert wird streng in der Reihenfolge der Rangordnung im Rudel.

Der Hundeschlitten ist im ganzen Land von Oktober bis April das Hauptfortbewegungsmittel und in Sisimiut haben auch die Touristen Gelegenheit zu einer Ausfahrt. Die Mitfahrer sollten nur ja nicht auf die Idee kommen, die sehr wolfnahen Tiere streicheln zu wollen. Im großen Bogen um das Rudel nähert man sich also dem Schlitten, der kuschelweich mit Fellen ausgelegt ist.

Rund sechs bis 15 der grönländischen Schlittenhunde laufen in einem Gespann. Mit den in Europa so beliebten Huskys haben diese allerdings nichts zu tun. Nur nördlich des Polarkreises, dem so genannten Hunde-Äquator, dürfen sie gehalten werden.

Beinahe akrobatisch mutet es an, wie Jens Jeremiassen die bunten Leinen der Hunde auseinanderhält, auf einen Zuruf geht es gemächlich los hinaus aus der Stadt ins "Bonebraker Valley". Dabei macht es sich der Jäger vor seinen Gästen bequem, gesteuert wird im Liegen. Sportlicher Ehrgeiz ist bei dieser Ausfahrt definitiv nicht das Thema.

Nur manchmal, wenn zwei Schlitten gleich auf gleich liegen und die Leinen der Gespanne sich zu verheddern drohen, macht Jeremiassen den Hunden Beine. Der Befehl dazu, erklärt er lächelnd, lautet nicht "faster" sondern schlicht "be happy". (Tanja Paar/Der Standard/RONDO/16.2.2007)

Anreise: z. B. via Kopenhagen mit der Airgreenland
Einreise: entsprechend der Bestimmungen für Dänemark
Währung: Dänische Kronen
Allgemeine Infos: Fremdenverkehrsamt Grönland
In Ostgrönland kann in einem Zweitageskurs ein Hundeschlittenführerschein erworben werden.
Infos unter: greenland-travel.com
  • Grönlands Eispanzer könnte in den nächsten 1000 Jahren komplett abschmelzen.
    foto: greenland travel

    Grönlands Eispanzer könnte in den nächsten 1000 Jahren komplett abschmelzen.

  • In Grönland werden die Hundeschlitten im Liegen gesteuert.
    foto: greenland travel

    In Grönland werden die Hundeschlitten im Liegen gesteuert.

  • Nichts hat man hier mehr als Zeit.
    foto: greenland travel

    Nichts hat man hier mehr als Zeit.

  • Die Schlittenhunde dürfen nur nördlich des Polarkreises gehalten werden.
    foto: greenland travel

    Die Schlittenhunde dürfen nur nördlich des Polarkreises gehalten werden.

Share if you care.