"Rocky Balboa": Der alte Mann und der Ring

12. Februar 2007, 17:56
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Mit "Rocky Balboa" hat Sylvester Stallone seiner Erfolgsgeschichte vom boxenden Einzelkämpfer ein letztes Kapitel hinzugefügt

Dem Hoffnungsträger westlicher Modernisierungsverlierer genügt es dabei, einfach nur durchzuhalten.


Wien – Der große Auftritt kommt relativ spät in diesem Film. Doch auch wenn der bekannteste Boxer des Kinos sich endlich wieder im Sekundentakt rohe Eier zuführt, Sandsäcke malträtiert, Mülltonnen stemmt und zur legendären Musiknummer Gonna Fly Now die Stufen des Philadelphia Art Museum hinaufhetzt, hat diese sich längst tief ins Gedächtnis der Popkultur einbrannte Sequenz nichts Pathetisches an sich.

Sie ist eine Reminiszenz, die in erster Linie dem Publikum geschuldet ist, das seinen alten Kämpfer noch einmal im Ring sehen möchte. Rocky Balboa ist ein Film voller Erinnerungen, die, obwohl mittlerweile bereits dreißig Jahre alt, gerade mal eine Armlänge weit reichen.

Das Philadelphia von heute ist ein nassgraues, aus unfreundlichen Orten zusammengestoppeltes Gebilde, bestehend aus einem Schlachthaus, in dem noch immer Rockys Schwager Pauli (Burt Young) Rinder zerteilt, einem Abbruchviertel, in dem Jugendliche auf die falsche Bahn geraten, und einem Friedhof, zu dem Rocky wie ein ausgedienter Westernheld zum täglichen Gespräch mit seiner verstorbenen Frau pilgert.

Überhaupt ist der Witwer nach dem Verlust seiner größten Stütze zum Schwätzer geworden: In seinem italienischen Restaurant unterhält er die Gäste mit Anekdoten aus alten Tagen, seinen Sohn, der wider besseres Wissen in der New Economy gelandet ist, stellt er öffentlich zur Rede, und für ein klärendes Gespräch nimmt er sich auch schon mal den Nachwuchs einer allein erziehenden Mutter zur Seite, um ihn vor den Gefahren einer Zukunft als Gangster zu warnen.

Wenn die Bürde der Vergangenheit nicht so schwer auf seinen Schultern lasten würde, könnte Letzteres beinahe zur Bildung einer neuen Familie führen. Tatsächlich hat die "weiße Hoffnung aus Philadelphia" zum ersten Mal im Laufe der Serie einen Familiennamen bekommen. Doch diese Figur, so viel steht fest, muss als Träger ebendieser Hoffnung für alle verfügbar bleiben. Auch wenn die Welt um ihn herum so klein ist wie sein Horizont.

Um die wenigen Orte und Menschen in ihrer Einfachheit auszumalen, nimmt sich Sylvester Stallone zu Beginn viel Zeit, was jedoch nicht heißt, dass jene an Schärfe gewinnen würden. Im Gegenteil: Es ist ein Insistieren auf dem Immergleichen, ein Beharren auf einer emotionalen Leere und sozialen Kälte, die – und darauf muss diese Geschichte natürlich ebenso wie ihre fünf Vorgänger hinauslaufen – überhaupt erst die Voraussetzungen für den physischen Befreiungsschlag schaffen.

Leiden und Erlösung

Denn darum ist es in der von Stallone 1976 selbst kreierten Saga – ähnlich Rambo, der anderen Erfolgsgeschichte über den Vietnamveteranen – schon immer gegangen: Die Erlösung kann nur durch ein zuvor zu bewältigendes großes Leiden erfolgen. So wie sich der traumatisierte Kriegsheimkehrer bei seinen Einsätzen stets einer körperlichen Anverwandlung unterziehen muss, wird der Boxer zur Projektionsfläche fremder, nicht eingestandener Bedürfnisse.

Und bleibt am Ende doch als Verlierer zurück, weil sich die Machtverhältnisse durch seinen Sieg nie geändert haben. Die Computersimulation eines Fernsehsenders, der die besten Boxer der Welt gegeneinander antreten lässt und dadurch einen realen Kampf in Las Vegas evoziert, ist somit nur äußerer Vorwand einer inneren Notwendigkeit. So ist Rockys Bestimmung im finalen Kampf gegen den jungen afroamerikanischen Champion Mason "The Line" Dixon, der noch nie über die volle Distanz gehen musste und der den Fight zu einer Imagekorrektur verwendet, auch nicht auszuteilen, sondern durchzuhalten.

Das ist seit dreißig Jahren der heikelste Punkt der Serie: Ob der selbstverständlich vorhandene reaktionäre Grundton von Rocky Balboa hinter der schlichten Anerkennung des Weiterlebens des Mythos und hinter purer Nostalgie verschwindet – wie in ersten Besprechungen zum Film zu bemerken war –, darf bezweifelt werden. Rocky Balboa ist auch kein Film, der durch das Herausstellen der Verletzbarkeit und des Alters seines Helden sympathischer werden würde.

Man braucht diesen Film gar nicht vor dem Hintergrund der zu Ende gehenden Ära Bush lesen, um die mancherorts gelobten Steherqualitäten eines Pensionisten einfach nur als Durchhalteparolen eines nicht zum Rückzug bereiten Kämpfers zu interpretieren. (Michael Pekler/ DER STANDARD, Printausgabe, 13.02.2007)

Derzeit (Februar 2007) im Kino
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  • Kampf der Giganten: Rocky Balboa (Sylvester Stallone) liefert sich mit Mason "The Line" Dixon (Antonio Tarver) einen offenen Schlagabtausch.
    foto: centfox

    Kampf der Giganten: Rocky Balboa (Sylvester Stallone) liefert sich mit Mason "The Line" Dixon (Antonio Tarver) einen offenen Schlagabtausch.

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