"Die ziehen wie Heuschrecken weiter"

28. Februar 2007, 11:53
96 Postings

Freizeitforscher Horst Opaschowski sieht im Interview Unterschiede zwischen russischen und deutschen Urlaubs­gästen in Österreich, hält Ausgrenzung aber für unvorstellbar

Wien - Österreichs Tourismus befinde sich aktuell unter Druck, sagt der deutsche Freizeitforscher Horst Opaschowski im Standard-Interview. Man habe auf Qualität zu höheren Preisen gesetzt, müsse aber mit einer stärker werdenden Billigkonkurrenz aus Süd- und Osteuropa rechnen, die Ähnliches anbietet. Die Antwort darauf wäre mehr Flexibilität, da die Urlaube immer kürzer werden, sowie mehr Kooperationen zwischen Tourismusgebieten, um komplette Angebotspakete schnüren zu können. Gut sei weiter, dass auf Wellness gesetzt werde. Die zuletzt diskutierten "Russenquoten", die in manchen Hotels hinter den Kulissen gelten sollten, hält er für unangebracht, wenngleich er sagt, dass Gäste aus Russland "vielleicht eine Zielgruppe sind, die nicht so dankbar ist wie deutsche Stammgäste" und "weiterziehen wie Heuschrecken".

***

STANDARD: Die Hotels in Kitzbühel wollten eine Russenquote einführen. Was halten Sie davon?

Opaschowski: Das ist vielleicht eine Zielgruppe, die nicht so dankbar ist wie die deutschen Stammgäste. Die haben einen Nachholbedarf, stürmen Hochburgen und ziehen morgen wie die Heuschrecken weiter.

STANDARD: Also ist eine Kontingentierung für Sie der richtige Weg?

Opaschowski: Das kann man sicher nicht machen. Aber man kann bestimmte Orte und Gebiete für diese Gäste besonders attraktiv machen, statt zu sagen, wir führen einen Numerus clausus für Russen ein. Weil die Fremdenverkehrsverantwortlichen sagen, die bringen uns viel Geld. Eine Form von Ausgrenzung kann ich mir nicht vorstellen. Wenn sich jemand nicht gut aufgehoben fühlt, geht er gleich weiter.

STANDARD: Laut der neuesten BAT-Tourismus-Analyse ist Griechenland dabei, Österreich in der Gunst der deutschen Urlauber zu überholen. Wie kommt das?

Opaschowski: Ich mache jetzt seit dreißig Jahren Tourismusforschung und habe immer gesagt, die Spitzengruppe Spanien, Italien, Österreich, das wird immer so sein. Aber vor allem im letzten und kommenden Jahr wird es für Österreich eng.

STANDARD: Stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht mehr?

Opaschowski: Wir haben die Qualitätsprofile der einzelnen Länder geprüft. Das größte Kapital der Österreicher war immer, neben der schönen Landschaft, die Gastfreundschaft. Da wird Griechenland nun höher bewertet, auch bei beim freundlichen Personal und bei der Restaurantvielfalt. Und beim Preis-Leistungs-Verhältnis wird man sagen, da ist der Zug bei uns abgefahren. Das ist eine Quadratur des Kreises. In Österreich hat man auf Qualitätsverbesserung gesetzt, und das hat natürlich seinen Preis. Aber der spielt im Zeitalter der Billigflieger und Selbstbucher eine immer größere Rolle.

STANDARD: War der Weg falsch, auf Qualität zu setzen?

Opaschowski: Das ist eine Gratwanderung: Qualität zu erreichen und gleichzeitig noch preislich erschwinglich zu sein. Zusätzlich kommt mit Osteuropa ein weiterer Konkurrent hinzu. Ich selbst habe in den vergangenen zwei, drei Jahren drei Reisen in diese Region hinter mir: Budapest, Krakau und Prag. Wahrscheinlich bin ich da ein typischer Deutscher.

STANDARD: Welche Konsequenzen soll man daraus ziehen? Verstärkt Billigflieger nach Wien zu locken, was zum Teil ja schon geschieht?

Opaschowski: Ich glaube, man muss zur Kenntnis nehmen, dass sich die Ansprüche der Urlauber verändern. Man kann nicht mehr auf Stammurlauber setzen: einmal Österreich und immer Österreich, das ist vorbei. Man muss es sich immer wieder neu verdienen. Der Konsument pendelt heute und sprengt die traditionellen Gastdimensionen: möglichst alles und sofort, also alles.

STANDARD: Ist mehr Flexibilität die Antwort?

Opaschowski: Hier muss mehr geschehen. Es ist nicht mehr angemessen, einen Gast in einem Hotel früh das Zimmer räumen zu lassen. Ich weiß selbst, welche Probleme wir in Österreich hatten, wenn wir einen Nachtzug gebucht hatten. Selbst wenn wir gegen Bezahlung das Zimmer bis abends haben wollten, so ging das nicht. Oder als wir im vergangenen Jahr mit der Großfamilie über Silvester Urlaub machen wollten, hat man uns gesagt, das ginge nicht, wir müssen ab Weihnachten können. Man kann nicht mehr auf alte Pfründen rekurrieren. Die Urlauber sind heute spontaner. Der klassische Drei-Wochen-Urlaub ist out, es geht auf zwölf, zehn, acht Tage zu.

STANDARD: War der Weg falsch, auf Qualität zu setzen?

Opaschowski: Nicht jeder Ort kann alles bieten. Viele Orte müssen ihr Kirchturmdenken aufgeben. Orte müssen sich mehr zusammentun: Ihr seid stark auf dem Gebiet, ihr auf dem. Und man sorgt mit einem Shuttlebussystem dafür, dass alle davon profitieren. Dann muss man sagen: Wir bieten Qualität zu einem erschwinglichen Preis. Das muss man stärker ins Bewusstsein rücken. Man muss auf den vagabundierenden Urlauber Rücksicht nehmen, auch auf die Bedürfnisse der jungen Generation.

STANDARD: Es gibt immer weniger Schnee. Hat es noch Sinn, so stark auf Wintertourismus zu setzen?

Opaschowski: Die Frage, wie geht man mit dem Klimawandel um, kommt eigentlich zu spät. Von daher wird es höchste Eisenbahn, dass sich Österreich mit längerfristigen Perspektiven, auch mit Unterstützung der Politik, befasst.

STANDARD: Warum soll man eigentlich noch Urlaub in Österreich machen?

Opaschowski: Da ist unbestritten die schöne Landschaft, aber die haben andere auch. Österreich hat sich zu lange darauf ausgeruht. Es gibt natürlich einige Punkte, die sind unnachahmlich, wenn ich an Sauberkeit, Hygiene und Sicherheit denke. Das ist schon ein Kapital, das südlichere Länder nicht bieten. Vielleicht muss man mehr auf das Wohlbefinden der Menschen setzen, auf Wellness. Das wurde auch schon begonnen. Man soll auch mehr auf Kultur setzen, etwa auf Kultur auf dem Lande und zu Sommerzeiten.

ZUR PERSON: Der Universitätsprofessor Horst Opaschowski (66) leitet seit 1979 das BAT-Freizeit-Forschungsinstitut in Hamburg. Er ist Berater für die deutsche Bundesregierung und das Bundespräsidialamt. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.2.2007)

  • Die Treue der Gäste sei jedoch allgemein nicht mehr so stark wie früher, dem müsse sich der heimische Tourismus stellen, sagt Tourismusforscher Horst Opaschowsky: "Viele Orte müssen ihr Kirchturmdenken aufgeben, müssen sich mehr zusammentun."
    foto: standard/cremer

    Die Treue der Gäste sei jedoch allgemein nicht mehr so stark wie früher, dem müsse sich der heimische Tourismus stellen, sagt Tourismusforscher Horst Opaschowsky: "Viele Orte müssen ihr Kirchturmdenken aufgeben, müssen sich mehr zusammentun."

Share if you care.