Reime aus der Vorstadt: "Panic Prevention!" von Jamie T

8. Februar 2007, 18:08
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Der britische Musiker wird mit seiner Second-Hand-Kunst derzeit als neuester Chronist der britischen Tristesse gehandelt

Betrachtet man das Coverfoto dieses erstaunlichen Debütalbums aus den Vorstädten Londons kommt einem automatisch der gute alte Spruch "Wegwerfen ist das Putzen der Dreckigen" in den Sinn. Bloß, dass das, was andere Dreckspatzen wegwerfen, im Zeitalter der Second-Hand-Warenwelt und unserer Leben aus zweiter bis dritter Hand vom jungen Helden dieser Zeilen geflissentlich nach Hause getragen wird. Dort harrt es dann zwischen halbausgetrunkenen Bierdosen, jeder Menge Müll auf und aus Vinyl und CDs und allerlei elektronischem Gerümpel, auf dem man juvenilen Krach machen kann, auf seine Neuverwertung.

Der 21-jährige Bassist und Straßenmusiker Jamie T alias James Treays gilt mit seinem Debütalbum Panic Prevention als Held einer flugs von der britischen Fachpresse ausgerufenen neuen Szene namens "Thamesbeat" oder "DIY (Do it yourself)". Die fühlt sich zwischen den Sperrmüllmöbeln in den beengten Wohnungen draußen am Stadtrand von London, dort, wo das britische "Jobwunder" der Blair-Jahre nie hingekommen ist und der Traum von besseren Zeiten parallel zur Farbe der Neubauten aus den 70er-Jahren abblättert, zwar nicht gerade wohl. Man hat sich zwischen Sozialhilfe-Schecks, grindigen Pubs und heruntergekommen Einkaufsstraßen allerdings soweit behaglich eingerichtet, dass man noch immer stolz auf seine Herkunft wie auf seine Rolle als Teil der sozialen Deklassierung sein kann. Dementsprechend handeln auch die wortreichen Texte des Jamie T ausschließlich von seinem unmittelbaren Umfeld. Pop wird in diesem Zusammenhang längst nicht mehr als dokumentierter Ausbruchsversuch in ein besseres Leben gedeutet. Es geht in dieser Musik darum, ein letztes Gemeinschaftsgefühl unter den von den Verheißungen der Innenstadt Ausgeschlossenen zu schaffen und ein Leben für das drogenbefeuerte Wochenenden in traurigen Vorstadtdiscos zu dokumentieren.

Gerade die Musik schustert, klebt und stanzt diesbezüglich doch einiges an grundsätzlich nicht miteinander kompatiblen Stilen aus der Müllhalde der Populärkultur zusammen, die jetzt wieder einmal für gehörige Aufregung in der Musikbranche sorgen. Zum einen ist der Mann mit einer alten akustischen Bassgitarre bewaffnet. Wie man sie zuletzt in den 80er-Jahren bei den US-Folk-Punks Violent Femmes auf Klassikern wie Blisters In The Sun, Add It Up oder dem zuletzt von Gnarls Barkley wiederbelebten Gone Daddy Gone hören konnte. Dazu gesellen sich über Punkveteranen wie The Clash populär gemachte (weiße) Deutungen britischen Reggaes, inklusive windschiefen Lyrics im Slang der jamaikanischen Einwanderer. Zum anderen wird mit Drumcomputer-Beats hantiert, mit denen Jamie T die hektisch aus der Spur stiebenden Wellenbrecher-Rhythmen von populären schwarzen Dancefloor-Stilen wie dem aktuellen Grime, eine Art hochgezüchteter wie zersplitternder HipHop, mit Reimen im Cockney-Slang kurzschließt.

Das klingt dann wie die kongenialen Alltagsbetrachtungen seines Kollegen Mike Skinner mit The Streets, fusst aber im Gegensatz zu diesem dank der dominierenden Bassgitarre als (rockistisches) Melodieinstrument immer auch streng im Indie-Pop. Mit Highlights wie Alicia Quays,dem Hit Stella und vor allem dem herzzerreißenden Calm Down Dearest wächst jetzt mit Jamie T eine neue poetische Kraft in London, auf deren nächste Karriereschritte man gespannt sein muss. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.2.2007)

  • Jamie T: "Panic Prevention"
    foto: virgin/emi

    Jamie T: "Panic Prevention"

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