Vom Paintball zum Opernball

9. Mai 2007, 17:58
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Seit Dienstag voriger Woche war jedem, der seine Augen vor "Österreich" nicht verschließt, klar, dass sich Düsteres über der gleichnamigen Republik zusammenbraute ...

Seit Dienstag voriger Woche war jedem, der seine Augen vor "Österreich" nicht verschließt, klar, dass sich Düsteres über der gleichnamigen Republik zusammenbraute, vor der man in diesen Wochen lieber die Augen verschlösse. Lugner droht abermals mit Boykott, hieß es da: Mitte Jänner drohte Lugner via ÖSTERREICH mit Opernball-Abstinenz, nun wiederholt er die Drohung. Natürlich wieder via ÖSTERREICH. Es ist nämlich so: Lugner fühlt sich als unfreiwilliger Förderer der Wiener Staatsoper übervorteilt. ,Man soll nicht glauben, dass wir das noch ewig mitmachen', drohte ,Mörtel'. Gemeint ist der Umstand, dass es, um eine Loge für den Ball zu ergattern, beinahe unumgänglich ist, ,freiwilliger Unterstützer' des Sangeshauses zu werden.

Von Freitag an ging es dann mit voller Wucht auf die Leser nieder. Auf Seite 1 die Story über den Bierbesteller aus dem freiheitlichen Sangeshaus, von dem wir nicht glauben sollen, dass er jugendliches Paintball noch ewig mitmachen wird. Strache: Die Nazi-Erpressung. Im hinteren Teil ging es nicht weniger hart zu. Opernball: Der Streit zwischen Holender und Lugner eskaliert. "Ich werde Richard Lugner nächstes Jahr nicht mehr als Donator akzeptieren". Das verkündete Staatsoperndirektor Ioan Holender gestern und versetzte damit dem Baumeister, der heuer Skandalgirl Paris Hilton mit zum Ball bringt, einen gehörigen Tiefschlag. Einen solchen gegen den Zahntechniker, neben dessen Skandalfotos das schärfste Skandalgirl bieder wirkt, hätte man sich vom Bundeskanzler gewünscht, aber in der Politik kann man ja nie wissen, wen man einmal als Donator brauchen könnte.

Kann ein Neo-Nazi von 1988/89 heute FPÖ-Chef sein? haderte Wolfgang Fellner mit der österreichischen Realität, während Strache auf die darin mitschwingende Kritik ähnlich reagierte wie der genervte Baumeister auf den Holender-Entscheid: "An was sich der Herr Holender stößt, weiß ich nicht." Und weil Strache nicht wusste, woran sich Fellner stößt, gab er für "Österreich" eine Ehrenerklärung ab.

So sah jedenfalls Samstag ein um seine Ehre besorgter Herausgeber Straches Nazi-Gruß. Die FPÖ hat gestern der staunenden Öffentlichkeit mitgeteilt, dass sie "jede Zusammenarbeit mit ÖSTERREICH ab sofort "einstellt". Wir - und wohl auch die meisten unserer Leser - betrachten das in der derzeitigen Situation als "Ehrenerklärung". Aber erst, wenn die staunende Öffentlichkeit erfährt, worin die bisherige Zusammenarbeit zwischen "Österreich" und der Freiheitlichen Partei bestanden hat.

Sonntag signalisierte das Cover von "Österreich" Ratlosigkeit total. Nach ÖSTERREICH-Bericht: Totales Chaos in der FPÖ. Und totales Chaos im Rest der Society: Opernball-Lady vor Abschied. Elisabeth Gürtler: "Mein letzter Opernball". Wer allein goss ein wenig Sonnenschein in diese totale Finsternis? Ausgerechnet das Skandalgirl. Paris Hilton im Interview. "Ich bringe den Spaß nach Österreich". Oder genauer gesagt: Ich bringe Spaß nach Wien und werde den Opernball zu einem freudigeren Ereignis machen! Wo ich auftauche: Ich habe Fun!

Umso herber die Ankündigung der Hüterin des heiligen Grals der Original Sachertorte. Ihr fehlt es nicht an Fun, sondern an Ideen. "Ich höre auf, weil ich für den Ball keine neuen Ideen mehr habe." Damit gibt sie kein gutes Beispiel. Wenn sich diese Gesinnung in der Politik breit macht, ist es mit der Stabilität der Koalition mangels Personal schnell vorbei.

Das hat Frau Gürtler irgendwie eingesehen und schon am nächsten Tag nährte sie einen Funken Hoffnung. "Sollte mir nach diesem Opernball doch noch etwas Neues einfallen, könnte es sein, dass ich weitermache." Da war die Titelseite von "Österreich" gerecht in der Mitte aufgeteilt für die beiden Storys, mit denen das Blatt der Nation zwei Aufregungen auf einmal bescherte. Links: Strache: Bilder aus Nazi-Szene. Rechts: Alle wollen, dass Gürtler bleibt. Aufregung nach ÖSTERREICH-Interview über Rücktritt.

Mangel an Ideen, selbst wenn offen einbekannt, ist hierzulande nämlich kein Karrierehindernis, sondern gilt als Ansporn zum Weitermachen. "Alle wollen, dass ich doch weitermache". Denn auch diesmal blieb der tägliche Tsunami Wolfgang nicht aus. Kaum ist die Sonntags-Ausgabe des ÖSTERREICH-Magazins TV & People erschienen, gingen auch schon die Wogen hoch. Was tat das Telefon der Grande Dame? Gewonnen, es lief seit den frühen Stunden am Sonntagmorgen heiß, und vom Operndirektor über den Wiener Promi-Schneider bis zum Operetten-Star rief alles an, was Ideenlosigkeit für einen ausreichenden Grund hält, darin fortzufahren. Dazu sind auch andere entschlossen, mag "Österreich" noch so oft behaupten: Bei Strache & Co. liegen Nerven blank.

Warum nicht gar! Nur weil Wolfgang Fellner es sich nach Jahren der Vermarktung Jörg Haiders schon jetzt EXKLUSIV gutschreiben will, wenn man die Haut des Jörgl- Klons dereinst zu Markte trägt , wird mediales Paintball dem Anlass nicht gerecht. Da schon eher Paris Hilton dem Opernball, wenn sie "Österreich" EXKLUSIV verrät: ,Ich bin gerne ein Sexsymbol!' (DER STANDARD; Printausgabe, 30.1.2007)

Von Günter Traxler
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