Orchestrale Höllenfahrt

23. Jänner 2007, 18:27
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Trotz guter Stimmen zählt der "Don Giovanni" nicht nur wegen des spärlichen Bühnenlichts zu den dunklen Seiten des Staatsopern-Repertoires, die man besser verbergen sollte

Wien - Bevor unsere neue Kulturministerin in der Angelegenheit der künftigen Staatsopernleitung wie angekündigt bis April eine Entscheidung fällt, sollte sie den neuerdings wieder Grauen erregend durch das Repertoire geisternden Don Giovanni besuchen.

Auf diese Weise würde sie einen zermürbenden Opernabend lang belehrt, dass man Staatsopernaufführungen nicht nur nicht anschauen kann, sondern dass auch das Zuhören ganz schön an den Gehörnerven zerrt.

Was es an der Staatsoper vor der Kür eines neuen Direktors neu zu definieren gilt, ist die Zusammenarbeit mit den als so genanntes Staatsopernorchester im Graben werkenden Wiener Philharmonikern.

Es kann und darf einfach nicht sein, dass eine Formation, die erst kürzlich zum besten Orchester Europas gekürt wurde, beim Versehen ihrer Staatsoperndienste wie am vergangenen Montag nicht nur sich selbst desavouiert, sondern gleichzeitig das Haus und letzten Endes wohl auch Österreichs weltweiten Ruf als Musikland .

Was ist passiert? Während der Ouvertüre war die Welt noch einigermaßen heil. Man meinte, Peter Schneider am Pult präferiert einen rauen Don Giovanni, haarig, rissig, und sehr deftig in der Dynamik, irgendwie in Kongruenz mit dem Inhalt der Oper.

Peinlich schwerfällig

Doch als sich dann der Vorhang hob, ging es in der gleichen Lautstärke weiter. Das Orchester unterstrich den Gesang der Akteure bis zur Unhörbarkeit. Nichts von Stil, im Gegenteil eine peinliche Schwerfälligkeit im Wechselspiel mit den Rezitativen, nichts von federnder Brillanz und ausreichender rhythmischer Flexibilität. Und das trotz einer Orchesterprobe.

Das alles sind schmerzend unüberhörbare Hinweise auf einen offenbar im Zunehmen befindlichen Motivationsverlust der Orchestermannschaft. Es gilt die wahrscheinlich ohnedies nirgendwo anders als in der Besoldung liegenden Gründe für diese Entwicklung zu erheben und diese baldigst zu stoppen.

Denn mit guten Stimmen allein kann man nicht Oper machen und Staatsoper noch weniger. Und schon gar nicht innerhalb einer historischen Textilorgie, während der Roberto de Simone als Regisseur gemeinsam mit dem Bühnenbildner Nicola Robertelli und Zaira de Vincentiis als Kostümografin im Sommer '99 ihrem gestalterischen Triebleben vollkommen ungehemmt freien Lauf ließen.

In diesem meist stockdunklen Ambiente musste sich das sehr oft obendrein auch noch im Bühnenhintergrund postierte Sängerteam dann doch noch Gehör verschaffen. Bryn Terfel in der Titelpartie gelang dies freilich perfekt. Man staunte sogar über die wendige Schlankheit seines sonst zum Wagnerfach tendierenden Baritons.

Beinahe hätte man Erwin Schrott als Leporello wegen der erwähnten szenischen und orchestralen Fährnisse der Schwachstimmigkeit verdächtigt, bis er diesen Verdacht nachhaltig ausräumte. Neben Ricarda Merbeth, die als technisch perfekte und ausdrucksstarke Donna Anna brillierte, konnte sich Matthew Polenzani als kultivierter Don Ottavio emanzipieren.

Unter dem Prätext, dass Celia Costea als Donna Elvira kurzfristig einspringen musste, konnte sie sich mit ihrer sicher geführten Stimme mit Anstand behaupten. Auch unter den Giovanni-Routiniers wie Alexandra Reinprecht als Zerline, In-Sung Sim als Masetto und Ain Angers Komtur. (Peter Vujica/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24. 1. 2007)

  • Mozarts Wüstling und sein Diener: Bryn Terfel (re.) in der Titelpartie des "Don Giovanni" und Erwin Schrott als Leporello im Kampf gegen Bühnendunkel und Orchesterlärm.
    foto: zeininger

    Mozarts Wüstling und sein Diener: Bryn Terfel (re.) in der Titelpartie des "Don Giovanni" und Erwin Schrott als Leporello im Kampf gegen Bühnendunkel und Orchesterlärm.

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