Nicht nur jüngstes Gehirn lernt

15. Juli 2000, 18:31

Zweifel an "intelligenzförderndem Spielzeug" für Kleinkinder

Washington - Seit drei Jahren überhäufen US-Spielzeugindustrie und Mittelklasse-Eltern viele Kleinkinder mit "intelligenzförderndem Spielzeug" wie Videos zum Lesenlernen für Babys. Auslöser war eine Konferenz über "Kindheit" im Weißen Haus, deren Botschaft, medial verknappt, dahin ging, die "kritische Periode" des Lernens reiche vom Alter null bis drei.

"Kritische Perioden" sind "Zeitfenster": Was das Gehirn darin nicht lernt, lernt es nie. Das stimmt auch etwa für das Sehen: Verbindet man Katzen in der "kritischen Periode" die Augen, bleiben sie blind. Aber beim intellektuellen Lernen liegen die Dinge komplizierter, und viele Teilnehmer an der Konferenz distanzieren sich von der Simplifizierung.

Denn die Belege sind dünn, und das Hirn ist komplex: Im zentralen Experiment hatte man an Kleinkindern eine Intelligenzsteigerung durch eine "anregende Umwelt" gemessen. Aber das waren Unterklassekinder - die der Mittelklasse bekommen genug Anregung. In einem anderen Versuch zeigten sich die musikalischen Fähigkeiten durch frühes Training höher entwickelt, was sich ebenso durch längere Übung erklären lässt.

Am kompliziertesten ist die Entwicklung beim Sprechen. Bei US-Immigranten zeigt sich ein linearer Zusammenhang: Wer bis zum Alter von fünf Jahren eingewandert ist, erlernt die neue Sprache so gut wie Einheimische, dann lässt es nach. Man kann es gar dem Gehirn ablesen: Kleinkinder verarbeiten die neue Sprache im "klassischen" Sprachzentrum links im Gehirn. Wer später lernt, setzt dazu die rechte Hirnhälfte ein. Aber das gilt nur für die Grammatik, nicht für Semantik und Phonologie: Nicht alles ist mit drei Jahren verspielt. (Science, Vol. 288, S. 2116) (jl)

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