"Wintertourismus ohne Schnee ist undenkbar"

8. Februar 2007, 17:43
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Tourismusberater Manfred Kohl sieht im STANDARD-Interview für kleine Skigebiete ohne Profil keine Überlebenschancen.

Standard: Welche Tipps haben Sie für die Tourismusbranche, schneearme Winter in Zukunft besser zu meistern?

Kohl: Alle Beteiligten müssen lernen, mit turbulenten Wettersituationen besser umzugehen. Wetterextreme werden uns in Zukunft wegen des Klimawandels häufiger zu schaffen machen. Für die Bergbahnen heißt es zweitens, noch mehr in Technik zu investieren und Voraussetzungen schaffen, um auch bei Plusgraden beschneien zu können.

Standard: Das treibt die Kosten aber immens hinauf.

Kohl: Das muss man einkalkulieren, die Liftpreise werden steigen. Das ist schade, aber es gibt keine Alternative. Wer in Dubai ein Hotel betreiben will, ist auf eine gut funktionierende Klimaanlage angewiesen. Wer in den Alpen auch bei höheren Temperaturen befahrbare Skipisten anbieten will, braucht High-tech-Schneekanonen.

Standard: Und weiters?

Kohl:In den Hotels muss noch mehr in Richtung Wellness getan werden. Das ist ein ausgezeichnetes Mittel, Schneemangel auszugleichen.

Standard: Ein Ersatz für Schnee auch?

Kohl: Nein, Wintertourismus ohne Schnee ist undenkbar. Man kann versuchen, für den Fall, dass es wenig Schnee gibt, andere Beschäftigungen anzubieten. Das kann aber nie die Sehnsucht nach Schnee ersetzen.

Standard: Gibt es eine Schmerzgrenze bei den Liftpreisen?

Kohl: Wir haben geglaubt, die 30-Euro-Marke bei der Tageskarte sei eine solche; jetzt sind wir bei 40 Euro und darüber. Wenn die Liftanlagen gut sind, auf den Pisten kein Wahnsinnsgedränge herrscht und dann auch das Service noch passt, sind die Leute bereit, auch höhere Preise zu zahlen.

Standard: Wer leidet heuer besonders?

Kohl: Sehr schwer haben es periphere Gebiete mit kleinen Liften, die meist auch keine Beschneiungsanlagen haben und auch keine starke Hotellerie. In den alpinen Wintersportzentren mit starken Bergbahnen und guter Hotellerie sind die Ergebnisse heuer viel besser als man auf den ersten Blick meinen möchte. Das Ausbleiben von Tagesgästen werden heuer auch die guten Skigebiete spüren.

Standard:Werden sich die kleineren Skigebiete halten können?

Kohl: Wenn sich ein Gebiet spezialisiert, etwa auf Familien mit Kindern, hat es durchaus Chancen. Skigebiete ohne besonderes Profil werden über kurz oder lang verschwinden.

Standard: Nun wird auch viel von Internationalisierung gesprochen, die österreichische Tourismuswirtschaft müsse sich intensiver um Gäste aus ferneren Ländern kümmern. Kommt man da nicht reichlich spät drauf?

Kohl: Wenn es nicht notwendig ist, wird kein Unternehmen von sich in eine Internationalisierung gehen, das ist ja auch mit Risiko verbunden. Auslöser für das Nachdenken über neue Herkunftsländer war die Krise in Deutschland, dem Hauptherkunftsmarkt neben Österreich. Deutschland ist und bleibt ein wichtiger Markt, andere Länder wachsen aber dynamischer und diese Chance gilt es zu nutzen.

Standard: Gibt es Hausaufgaben, die ein Hotelier zuerst erledigen sollte?

Kohl: Der Schlüsselbegriff heißt interkulturelles Lernen, das bedeutet Offenheit für andere Kulturen.

Standard: Charme allein ist zu wenig?

Kohl: Was nützt das Lächeln, wenn man den anderen nicht versteht? Es ist oft viel charmanter, ohne Lächeln die Bedürfnisse zu befriedigen und auf den Gast einzugehen statt ständig zu grinsen.

ZUR PERSON: Manfred Kohl (58) ist Gründer und Geschäftsführer von Österreichs größtem Tourismus-Beratungsunternehmen. Kohl & Partner ist mit Büros in Villach, Wien, München und Südtirol vertreten und beschäftigt 20 Mitarbeiter. (Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.1.2007)

  • Die Antwort auf wenig Naturschnee heiße mehr Kunstschnee sagt Manfred Kohl.
    foto: standard/kohl & partner tourismusberatung gmbh

    Die Antwort auf wenig Naturschnee heiße mehr Kunstschnee sagt Manfred Kohl.

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