Schubhaft wie "Erwachsener": Konflikt um jugendlichen Flüchtling in Wien

2. März 2007, 11:38
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Ein Flüchtling, der jünger als 18 ist und schwere psychische Probleme hat, sitzt derzeit als "Erwachsener" in Wien in Schubhaft

Ein Flüchtling aus Afghanistan, der laut gleich mehreren Experten jünger als 18 ist und schwere psychische Probleme hat, sitzt derzeit als "Erwachsener" in Wien in Schubhaft. Der Fall weist auf das seit Jahren ungelöste Problem der Altersschätzung bei Asylwerbern hin.

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Wien - Seit sieben Tagen sitzt Ali Afzali, junger Flüchtling aus Afghanistan, am Wiener Hernalser Gürtel in Schubhaft - doch laut Gerhard Wallner von der Evangelischen Diakonie ist dies für ihn eindeutig der falsche Aufenthaltsort. "Wer mit Afzali spricht, ihn sieht, sein Verhalten beobachtet erkennt, dass es sich um einen unter 18-Jährigen handelt", schildert der Jugendsozialarbeiter und Leiter des Laura-Gartner-Heims für minderjährige Flüchtlinge.

Betreute Unterbringung für Jugendliche

Würde der Bursch als minderjährig gelten, wäre Unterbringung in Freiheit als "gelinderes Mittel" angesagt. Er würde intensiv betreut und bekäme von der Republik einen Rechtsbeistand gestellt. Doch dieser Ausweg ist versperrt, weil die Behörden Afzali als Volljährigen behandeln und ihn im Rahmen des EU-weiten Dublinabkommens nach Griechenland abschieben wollen.

Selbstverletzung

Dabei - so Wallner - gehe es dem Eingesperrten psychisch ziemlich schlecht. "Beim Besuch am vergangenen Freitag sind mir Schnittwunden an seinen Unterarmen aufgefallen, die wohl durch Selbstverletzung entstanden sind", erzählt der erfahrene Jugendsozialarbeiter. Beruhigende Medikamente wie davor in Traiskirchen habe Afzali bis Freitag noch keine bekommen gehabt.

Beamten glaubten ihm nicht

Beteuert, noch keine 18 zu sein, hatte nicht zuletzt der Betroffene selbst. Geboren sei er in Kabul im Jahr 1369 nach persischem Kalender - also zwischen Frühjahr 1990 und 1991 - sagte er bei seiner Asyl-Erst-Einvernahme am 15. Dezember 2006 aus. Aber die Beamten glaubten nicht ihm, sondern einem Dokument aus Griechenland, wo Afzali - von Schleppern per Boot auf die Insel Mytilini gebracht - erstmals die EU betreten hatte.

Demnach soll der Flüchtling am "1.1.1987" das Licht der Welt erblickt haben: Eine Angabe, die auch Klaus Neumann, Leiter des Jugendhauses in Traiskirchen, schwer in Zweifel zieht. "In seinem Fall deutet alles auf einen Minderjährigen hin. Ich würde ihn auf 16 schätzen - und dabei bin ich mit solchen Aussagen sonst zurückhaltend".

Zehn-Minuten-Einschätzungen durch Asylbeamte

Neumanns Vorsicht hat einen konkreten Grund: In nur wenig anderen asylrechtlichen Bereichen herrscht derzeit so viel Unsicherheit wie bei der Altersbestimmung von Flüchtlingen (siehe "Wissen"). In Wahrheit existiere hier "überhaupt keine verbindliche und funktionierende Methode" merkt Wallner an. Statt redlicher Herangehensweisen wie "längerer Beobachtung des Sozialverhaltens in der Betreuungseinrichtung" fänden Zehn-Minuten-Einschätzungen durch Asylbeamte wie in Niederösterreich statt. Oder es würden auf ein paar Zeilen reduzierte psychologische Gutachten (siehe Faksimile) wie etwa in Salzburg und Linz herangezogen.

"Falsche" Jugendliche

Beides helfe nicht weiter, um jene "gar nicht so wenigen" Flüchtlinge zu erkennen, die sich in der Hoffnung etwa auf Schubhaftverschonung jünger machten als sie sind, meint auch Günter Ecker. Der Leiter des Vereins SOS Menschenrechte Österreich, der die Schubhaftbetreuung in Wien innehat, geht von "50 Prozent angeblich Minderjährigen, die in Wahrheit schon erwachsen sind" aus. Zu Ali Afzali hat Ecker nicht viel zu sagen. Laut Dokumenten stehe fest," dass er schon über 18 ist". (Irene Brickner, DER STANDARD Printausgabe 18.1.2007)

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