Hahn im Interview: "Reich und deppert muss nicht an die Uni"

10. Februar 2008, 22:08
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Wissenschaftsminister Johannes Hahn im STANDARD-Interview: Gemeinnützige Arbeit kommt "sicher nicht heuer"

Johannes Hahn, Wissenschaftsminister und ÖVP-Wien-Chef, über den "Ewigkeitscharakter" der Studiengebühren, das "Sozialdienst"-Modell, das niemanden "vergenusswurzeln" soll, das erste "Beschnuppern" mit der ÖH und den freien Hochschulzugang. Mit ihm sprach Lisa Nimmervoll.

Standard: Können Sie garantieren, dass die Studiengebühren nicht erhöht werden?

Hahn: Es sind Studienbeiträge, das ist ein feiner Unterschied. Für die Zukunft, für die Ewigkeit soll man nichts ausschließen, aber ich würde sagen, für das kommende Semester kann man das wohl ausschließen.

Standard: Und für den Rest der Legislaturperiode?

Hahn: Das hat fast Ewigkeits-charakter ...

Standard: Sie sind als VP-Wissenschaftsminister in der komfortablen Lage, sich die Studentenproteste erste Reihe fußfrei anzuschauen, da die ja in erster Linie der SP und Kanzler Gusenbauer gelten. Haben Sie Verständnis für die Proteste?

Hahn: Ich verstehe sie insofern, als niemand gern etwas zahlen will. Aber ich glaube, die Studiengebühren haben ihre Sinnhaftigkeit bewiesen, sind auch im internationalen Vergleich etwas Übliches und sehr gering. Also die sind o.k.

Standard: Was können die Studenten, abgesehen davon, dass Sie ihnen den Wunsch nach Abschaffung der Studiengebühr nicht erfüllen können und wollen, von Ihnen erwarten?

Hahn: Zentraler Punkt ist die Weiterentwicklung des Stipendienwesens. Da werde ich mich sehr dafür einsetzen, eine Ausweitung des Budgets zu bekommen.

Standard: Um wie viel konkret?

Hahn: Wir haben derzeit rund 175 Millionen Euro, und ich werde mich bemühen, meinen Finanzminister zu überzeugen, dass 200 Millionen Euro eine spannende Größenordnung wäre, mit der man auch wirklich was anfangen kann.

Standard: Wer hat das "Sozialdienst"-Modell zum Abarbeiten der Studiengebühr erfunden?

Hahn: Das ist eine völlige Neudimension, der Bürgergesellschaft Raum zu geben. Wir werden das sehr intensiv verfolgen, weil es eine tolle Idee ist, und es freut mich, dass die SPÖ hier eine jahrzehntelange Philosophie der ÖVP durchaus teilt - dass jemand, der für das Gemeinwesen etwas macht, zumindest in einem Teilaspekt eine Anerkennung erfährt im Wege einer Refundierung von Studienbeiträgen.

Standard: Es hat aber heftigen Widerstand ausgelöst.

Hahn: Mir ist es ganz wichtig, dass es da nicht um einen Sozialdienst geht, wo jemand vergenusswurzelt wird, am Krankenbett zu stehen, obwohl er keine innere Berufung dazu hat, geschweige denn eine Ausbildung. Wir müssen auch davon wegkommen, hier die ökonomische Komponente zu sehen. Jemand, der für sein Studium Geld braucht, der wird sich wohl einen anderen Job suchen, als diese simple Durchrechnung, Studiengebühren durch 60 Stunden.

Standard: Was soll auf die Liste "verrechnungsfähiger" Sozialdienste kommen?

Hahn: Theoretisch ist das ziemlich uferlos. Der Fokus wird wohl im Bereich der Bildungsarbeit im weitesten Sinne sein. Aber es geht nicht darum, dass man Preis-Dumping beim Nachhilfe-Unterricht anpeilt. Wir können so etwas ja nur mit Trägerorganisationen und NGOs machen, und dazu bedarf es natürlich auch des Hörens und Einbindens der ÖH. Darum war es mir auch wichtig, sie heute schon bei mir zu haben.

Standard: Da waren Sie schneller als der Kanzler.

Hahn: Ist auch meine Aufgabe.

Standard: Wie war's?

Hahn: Ein Beschnuppern. Die ÖH ist mir als Gesprächspartner sehr wichtig. Sie haben ihre Überlegungen präsentiert und möglicherweise waren sie nicht mit allen meinen Antworten zufrieden, aber das haben wir auch nicht erwartet.

Standard: Ab wann werden die Studenten realistischerweise die Möglichkeit haben, die Studiengebühr "abzuarbeiten"?

Hahn: Ich sag's umgekehrt: sicher nicht heuer.

Standard: Also frühestens im Sommersemester 2008?

Hahn: Ja. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das schon bis zum Wintersemester greift. Das muss man konzeptiv entwickeln und dann organisatorische Strukturen aufbauen.

Standard: Kommt das viel geforderte Teilzeitstudium?

Hahn: Ich kann das vom Hausverstand nachvollziehen, dass man da etwas überlegen muss.

Standard: ÖVP und SPÖ haben sich um ein von den Rektoren gefordertes Thema gedrückt: Den freien Hochschulzugang. Wie halten Sie's damit?

Hahn: Es kommt bald eine Evaluierung der Rektorenkonferenz, die wird man sich anschauen. Ich bitte um Verständnis, ich bin so kurz im Amt, dass ich mich nicht zu allem schlau gemacht habe, aber ich denke, dass wir da im Rahmen des Bologna-Prozesses Anknüpfungspunkte haben. Dass man für die erste Ebene schaut, Zugangsbeschränkungen auszuschließen.

Standard: Der Bachelor soll für alle frei zugänglich sein?

Hahn: Ja, aber das muss man sich halt anschauen. Da gibt es keine Generalantwort. Es gibt Studienrichtungen mit Übernachfrage, die sind fürchterlich überfüllt, und andere gieren um Studenten. Wir werden uns mit beidem befassen.

Standard: Es gibt ja nur zwei Möglichkeiten: Entweder Sie sagen, angesichts der Ressourcen können nur x Leute studieren, oder Sie geben den Unis so viel Geld, dass die Übernachfrage bedient werden kann.

Hahn: Wenn ich ein Wunderwuzzi wäre, hätte ich den Nobelpreis und wäre nicht Wissenschaftsminister. Geben Sie mir ein bisschen Zeit.

Standard: Die Rektoren wünschen sich wie die Fachhochschulen eine Studienplatzbewirtschaftung. Werden sie die von Ihnen bekommen?

Hahn: Das muss man sich anschauen. Sehen Sie, ich kenne mein geliebtes Österreich: Was einmal liegt, das pickt. Wir haben in Österreich eine hohe Tradition, dass Provisorien zu Kontinua werden. Da tu ich nicht wirklich mit. Ich schaue mir das in aller Nüchternheit an und bin überzeugt, dass wir mit den Rektoren eine vernünftige Lösung finden.

Standard: Die wollen Master und PhD beschränken.

Hahn: Wenn diese Strukturierung möglich ist, kann das ein Ansatzpunkt sein. Aber es gibt ja die Autonomie der Unis. Wir werden das diskutieren.

Standard: Welchen Wert hat für Sie der freie Hochschulzugang als solcher?

Hahn: Mir ist der freie Zugang im übertragenen Sinn wichtig, wenn ich sage, niemand soll aufgrund seines Herkommens, der Einkommensverhältnisse, der sozialen Situation ein Problem haben, an die Uni zu gehen. Das ist nie ein abgeschlossener Prozess. Wenn einer reich und deppert ist, muss er nicht an der Uni sein, aber wenn einer arm und g'scheit ist, dann soll man alles tun, dass er dort landet.

Standard: Wie erklären Sie, dass 30 Jahre freier Unizugang die soziale Zusammensetzung der Unis nicht verändert hat?

Hahn: Dass das ein Prozess ist, der nie abgeschlossen ist. Insofern ist es auch gut, dass wieder ein eigenes Ressort geschaffen wurde, wo man sich darum kümmert. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir - Kollegin Schmied und ich - dem ganzen Bildungsbereich einen Modernisierungsschub verleihen können, der sich letztlich auch dahingehend auswirkt. Aber das ist sicher etwas, wo die Wirkungen möglicherweise gar nicht mehr in unserer Ära erkennbar sind. (DER STANDARD Printausgabe, 16. Jänner 2007)

Zur Person
Johannes "Gio" Hahn (49), promovierter Philosoph, seit 2003 VP-Stadtrat in Wien, kämpft für "modernes Lebensgefühl und humane Urbanität". Verheiratet, ein Sohn.
  • Gio Hahn alias Tschio: "Irgendwer nannte mich Giovannino, ein anderer Gio, weil's kürzer war. Ich weiß, die Kurzform ist falsch, die Aussprache auch. Aber es ist unaus-rottbar."
    foto: standard/cremer

    Gio Hahn alias Tschio: "Irgendwer nannte mich Giovannino, ein anderer Gio, weil's kürzer war. Ich weiß, die Kurzform ist falsch, die Aussprache auch. Aber es ist unaus-rottbar."

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