Die Riten der Sketchauflösung

14. Jänner 2007, 19:19
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Ulrich Ziegers Karl-Valentin-Paraphrase "Sketch" im Wiener TAG

Wien - Im dritten Akt von Sketch oder Die Weltanschauung winkt so etwas wie Erlösung aus lähmender Finsternis. Denn Ulrich Ziegers Stück, im Theater an der Gumpendorfer Straße (TAG) zur völlig umständlichen, vollkommen witzlosen Erstaufführung gebracht, greift geheimniskrämerisch ein paar Kenndaten aus den Leben der bayerischen Volkskomiker Karl Valentin und Liesl Karlstadt auf, um dem Andenken an das legendäre Duo desto sicherer den Garaus zu machen.

Zieger (45), ein Gebrauchsdramatiker aus dem Osten Deutschlands, nützt das Wissen um das Genie Valentin, das völlig ungerührt gegen die Windmühlen der Grammatik ankämpfte, wie einen Dramenbrühwürfel. Er vergeht sich damit an einem der ganz Großen: Er löst die Geschmacks- und Inhaltsstoffe, die Valentins Sketchkunst existenzphilosophisch durchsetzen, in einer dünn schmeckenden Komödiensuppe auf.

In Gumpendorf ist vor allem Rätselraten angesagt: Im fäulnisgelb lackierten Heizungskeller einer mehrgeschoßigen Volkshochschulbühne (Bühne: Gudrun Lenk) wuselt ein Kustos oder Hauswart (Georg Schubert) käfergleich durch ein Labyrinth aus Verliesen und blinden Treppen. Der mit quer gelegten Schütterhaaren bedeckten Glatze entspricht ein hämisches Grinsen, das Herrn "Fogelnas" als Abkömmling Valentins und als Geheimnisträger einer unkenntlich bleibenden Himmelsagentur ausweist. Er fertigt hereinstürmende Kavaliere ab und begrüßt als wehleidiger Witwer ein Paar gespreizt tuender Irrer (Beate Recker, Horst Heiß), die im Keller nach einem Ufo suchen.

Das Schönste: Alle Beteiligten pflegen einen umschweifigen Konversationston, der im Falle Karl Valentins der Widersetzlichkeit gegen diverse Modernitätsnormen geschuldet war. Nur glaubt man eben, von Regisseur Gernot Plass zu einer Zieger-Party eingeladen worden zu sein, ohne doch das Motto der Veranstaltung mitgeteilt bekommen zu haben.

Man fragt sich beunruhigt: Besteht die Pointe dieser trostlosen Veranstaltung in der Vermeidung jeglicher Pointe? Im dritten Akt hält ein Paganini des Volkshochschulvortrags einen mit Zierfischgesten aufgepeppten Vortrag über die Entstehung des Manichäismus. Man möchte bei so viel erzwungener Originalität gar nicht länger stören. Der letzte TAG-Besucher? Macht dann das Licht aus. (Ronald Pohl/ DER STANDARD, Printausgabe, 15.1.2007)

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