Eine heikle Balance

23. Jänner 2007, 15:45
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"Fang an zu leben": Nadine Gordimers Roman über eine Erkrankung und ihre Folgen

Adrian und Lyn, die Eltern, Paul und Bere-nice, Sohn und Schwiegertochter, leben das, was man gemeinhin eine gute Ehe nennt. Gegenseitiges Interesse für die Arbeit des anderen, Achtung, sexuelle Anziehung - man hat sich eingerichtet in einer komfortablen Zweisamkeit. Diese Harmonie wird von einem Tag auf den anderen zerstört. Bei Paul wird Schilddrüsenkrebs diagnostiziert, und mit einem Schlag ändert sich alles.

Nadine Gordimers geheimes Leitmotiv in ihrem neuesten Roman aus Südafrika ist das Gleichgewicht, die heikle Balance. Das betrifft zuvörderst das Verhältnis der Paare. Paul muss, da er durch seine Krebsbehandlung "strahlend" geworden ist und ein Risiko für seine Frau und den kleinen Sohn darstellt, ins Haus der Eltern übersiedeln.

Die wiederum arbeiten an der Bewältigung ihres Eintritts in die Pension und haben eigentlich eine Reise geplant. Stattdessen nehmen sie ihren Sohn bei sich auf, der in der erzwungenen Untätigkeit Gelegenheit zur Reflexion erhält. Paul kehrt symbolisch in das Kindheitsparadies zurück, in den Garten, wo er gespielt hat, und gewinnt eine neue Nähe zu seiner Mutter. Er arbeitet für eine Umweltschutzorganisation, was im krassen Gegensatz zur Tätigkeit seiner Frau steht.

Paul sorgt sich um das ökologische Gleichgewicht, um den Ausgleich zwischen Naturschutz und wirtschaftlicher Entwicklung, an der auch die Schwarzen und nicht nur die internationalen Konzerne teilhaben sollen. Er versucht, das Okavango-Delta vor einer unheilvollen Ausbeutung zu bewahren. Berenice hingegen ist in ihrer Werbeagentur sehr erfolgreich und steht diesen für Paul überlebenswichtigen Themen eher fern.

Wenn die Eltern die Reise nicht hätten verschieben müssen, hätte Adrian die Frau nicht kennen gelernt, die ihn dazu veranlasst, Lyn nach vielen Ehejahren zu verlassen. Ein Stein, der aus dem Gleichgewicht gerät, reißt alle anderen Dominosteine mit sich. Heikel ist auch die Balance, die der liberale Mittelstand in einem Land wie Südafrika zu wahren sucht. Das reicht von der Frage, ob man es verantworten kann, die schwarze Haushälterin der Gefahr eines Kontaktes mit dem "strahlenden" Paul auszusetzen (sie bleibt freiwillig), bis zur Überlegung, bei einer Einladung zum Grillen die ausgeglichene Anzahl der weißen und schwarzen Freunde zu bedenken.

Man muss für Gordimers subtile Metaebenen, für ihre diskrete und doch deutliche Sprache ein eigenes Sensorium entwickeln: Nähe und Entfernung, Antagonismen, unauflösbare Widersprüche, die sich aus der historischen und gegenwärtigen Situation des Landes ergeben und sich im individuellen Leben widerspiegeln, moralische Fragen, die mit bohrender Präzision beleuchtet werden - all das macht die innere Spannung des Textes aus. (Ingeborg Sperl / ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 13./14.1.2007)

  • Nadine Gordimer, "Fang an zu leben". Übersetzt von Malte Friedrich. ¬ 20,50/224 Seiten. Berlin Verlag, Berlin 2006
    buchcover: berlin verlag

    Nadine Gordimer, "Fang an zu leben". Übersetzt von Malte Friedrich. ¬ 20,50/224 Seiten. Berlin Verlag, Berlin 2006

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